Scheu sind sie geworden

Mitte Februar, „Wild gibt’s keines mehr in unseren Wäldern“: man sieht keine Rehe, die Wildschweine beschränken ihre Aktivitäten auf die Nachtstunden und unser größter heimischer Säuger, das Rotwild, ist wie vom Erdboden verschluckt. Welcher Wildlife-Fotograf/in kennt diese Monate nicht?
Die Jagdsaison, im Schwerpunkt von Oktober bis Januar mit vielen Treib- und Drückerjagden, liegt hinter unseren Wildtierpopulationen. Im Laufe dieser für das Wildtier schwierigen Zeiten haben sie wieder viel gelernt, es kann lebensgefährlich sein dem Menschen zu begegnen, vor allem in den Zeiten, in denen die Sonne sich knapp über dem Horizont bewegt, oft nur kurz erscheint. So erleben wir es am Ende und während jeder Jagdsaison.
Früher töteten die Menschen auf Kontakt, Auge in Auge, der Nahkontakt, das Nachstellen auf geringer Entfernung war unabdingbar. So wie natürliche Prädatoren bei der Jagd auch heute noch auf Kontakt gehen müssen, schon der für beide Seiten wichtigen Selektion wegen, denn der natürliche Prädator nimmt den einfachsten Weg mit geringster Verletzungsmöglichkeit (auch mal ungesicherte Weidetiere ). Bei den Beutetieren wird durch natürliche Selektion sichergestellt, dass nicht alle Individuen ihre Gene gleich häufig weitergeben können, sondern dass nur die angepasstesten Gene (“genetische Fitness”) die größte Verbreitung erfahren.
Heute gibt es vom Menschen genutzte Präzisionswaffen, bis auf zwei Kilometer wäre das Töten eines Tieres theoretisch derzeit möglich, mittlerweile sogar auch nachts auf große Reichweite mit Nachtsichtoptiken. (Waffenrechtlich ist Jägern der Umgang mit Vorsatz- und Aufsatzgeräten nunmehr erlaubt. § 40 Abs. 3 S. 4 WaffG, seit Februar 2020). Das Töten wird anonym! Der Blick durchs Zielfernrohr, der große Abstand zum Tier, töten auf Distanz, das Tier hat überhaupt keine Chance. Erst mit der Erfindung der Gewehre ist den Tieren ein völlig unnatürlicher, nicht mehr rechtzeitig erkennbarer Feind entstanden. Diesem neuen, blitzschnell und unerwartet aus der Ferne wirksamen Feind ist das Wild seither chancenlos ausgeliefert und in dem Fall seiner natürlichen Fähigkeiten beraubt, die tödliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Es kann auch seine körperlichen Vorzüge gegenüber diesem Feind nicht mehr nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen.
Logischerweise hat der Einsatz von solcher tödlichen Technologie daher eine enorme Unsicherheit und Angst unter den Wildtieren verbreitet und damit einen sehr starken grundsätzlichen Dauerstress in deren Leben gebracht.
Angst, besonders die durch negative Erlebnisse entstandene Angst, führt zu einem vor Gefahren ausweichenden Verhalten.
Am Beispiel des Rotwildes und der Rehe trug der Schusswaffeneinsatz mit Sicherheit sehr dazu bei, dass diese Tiere ihren Lebensraum entsprechend verlagert haben. Aus den schon lange zuvor von Menschen landwirtschaftlich genutzten offenen Naturbereichen zog sich das Wild inzwischen mit zunehmendem Schusswaffengebrauch in die dicht bewachsenen Wälder, die sie vor dem sicheren Tod schützen sollen. Obwohl die Dichte des Waldes vielen Tieren wegen der sperrigen Geweihe die Flucht erschwert und früher auch Raubtieren beim Anschleichen bessere Deckung bot, so dass es solchem Fluchtwild in diesem Umfeld gefährlicher werden konnte, riskierten diese Paarhufer (jagdlich Schalenwild) nicht ohne Grund den Aufenthalt in einem derart ungünstigen Naturbereich. Der inzwischen vollständige Wechsel dieser Tiere in den, auch von der Ernährung her, für sie ungünstigeren Lebensbereich ist letztlich eine von den Jägern verursachte folgenschwere Störung und Verfälschung unserer Natur. Argumentiert wird aber gerade damit, denn der “Verbiss” der Pflanzenfresser richtet Schäden an im Wald, so die jagdliche Seite, obgleich gerade sie das Wild in die Wälder drückt.Durch die Gewehre hat sich die Fluchtdistanz zum Menschen extrem vergrößert. Teilweise nehmen Tiere ihren Tötenden nicht einmal mehr wahr. Wahrscheinlich aus jagdlicher Sicht gefeiert und dahin argumentiert, als dass das der saubere gute Jäger so anstreben sollte, aber nur etwa ein Drittel der Schüsse sind tatsächlich tödlich. Mehr als 60 % der Tiere hatte man dagegen entweder den Kiefer weggeschossen, ein Bein zersplittert oder mit Bauchschuss oder am Rückenmark schwer verletzt.Unzählige Beispiele belegen, dass die Aktivitätszeiten sowie das Raum-Zeitmuster unserer Wildtiere im Wesentlichen von der Art und Weise seiner Bejagung bestimmt sind. Die Fluchtdistanz des Wildes steht also im unmittelbaren Zusammenhang mit der Schussdistanz. Bei Beunruhigung können Wildtiere recht gut analysieren, ob es um die Gefährdung von Leib und Leben geht oder nicht.
Allein durch die Vergegenwärtigung der Annahme, dass man mit einer Schussdistanz von 200m im Umkreis ca. 12 ha (!) von einem Punkt aus bejagen kann, bei 500m hingegen bereits 80 ha (!) abdeckt, wird ersichtlich, wie gravierend die Auswirkungen von Weitschussgewehren sein können. Kein Wunder also, dass die natürliche Scheu gegenüber dem Menschen immer weiter wächst.Das Gegenteil ist in Nationalparks zu beobachten, durch das Verbot der Jagd in Schutzgebieten verlieren die dort lebenden Tiere nach und nach die Scheu vor dem Menschen. Sie lernen, dass sie von Menschen nichts zu befürchten haben und verringern deshalb ihre Fluchtdistanz. Diese Auswirkung wird als Nationalpark-Effekt bezeichnet.
Heute noch ist zu beobachten, dass viele Pflanzenfresser direkt am natürlichen Prädator vorbeiziehen, denn diese sind nicht rund um in der Jagd. Auch erkennt das Wild einen gewissen Biorhythmus der natürlichen Prädatoren.
Von vielen Freunden der Wildlifeszene werden mir Annäherung des Wildes an den Menschen, an den Fotografen/in, ja sogar das der Prädatoren berichtet, weil die Tiere die jeweilige dort oft verharrende Person kennen, die Scheu ein ganzes Stück abgelegt haben. Das, um es hier klar zu sagen, ohne (!!) jegliche Anfütterung oder anderweitige Manipulation an den Tieren. Die bloße regelmäßige Anwesenheit führt lediglich zur Gewöhnung, damit zu einem Teil des Verlustes der Scheu. Auf den von Menschen genutzten Waldwegen und Plätzen durchaus vertretbar, denn letztlich sind auch wir Menschen Teil der Natur. Diese zu beneidenden Tierfreunde haben weder eine positive Prägung (z.B. Fütterung) auf das Tier hinterlassen, auch keine negative (z.B. Bejagung), sondern eine völlig neutrale. Sie werden wahrgenommen, aber ignoriert, vielleicht mal neugierig beobachtet. Mir sind viele Menschen bestens bekannt, die so, also im “Vertrauen” der Tiere, unfassbar schöne Bilder einfangen konnten, besser noch, eben fantastische Erlebnisse hatten. Ob beim Kauz, beim Fuchs, mit dem Reh, oder gar beim Wolf. Ein Rudel welches durchaus bei zufälligen Begegnungen in aller Ruhe an ihm (dem mir bekannten und sehr geschätzten Wolfsfreund) vorbeizogen. Diese weder das Interesse hatten, Futter zu bekommen, auch verknüpften sie nichts Negatives mit ihm, einzig die wolfstypische Scheu erlaubte sehr nahe Begegnungen nicht. Er war quasi ein Neutrum für die Wölfe, nicht mehr als das Rind nebenan auf der Weide! Eine Situation fast so, wie wir sie alle in jagdfreien Arealen mit fast allen Tieren erleben können, Menschen stören nicht pauschal, das Wild assoziiert aber leider mit dem Menschen den Jäger, flieht anfangs bei Wahrnehmungen sofort. Erst mit positiven Erfahrungen trennen Wildtiere zwischen Jägern und Spaziergängern. Die wegen des hohen Jagddruckes in die Stadt gezogenen Wildtiere scheinen den Jäger nicht mehr zu kennen. Völlig ungeniert säugen sie ihre Jungen auf offener Straße, ziehen an Menschen vorbei, völlig frei von Furcht oder Aggression.
Rotwild bevorzugte lichte Wälder mit ausgedehnten Wiesen, erst der Jagddruck drängt das Wild in die dichten Wälder. Die Evolution hätte diese majestätischen Tiere nicht so imposant ausgestattet. Rotwild zu fotografieren, näher ohne Störung “einzufangen”, ist inzwischen sehr schwer, gelingt nur in Tarnung und mit extremer Vorsicht, anbei ein Bild mit Rotwildkühen und Kälbern.Quellen :
https://www.ooeljv.at/presse-medien/fachartikel/von-pfeil-und-bogen-zum-weitschussgewehr/
https://www.auf-eigenen-pfoten.de/app/download/5799944912/Was+J%C3%A4ger+verschweigen.pdf

Über einen Kommentar oder Gästbucheintrag würde ich mich sehr freuen.

6 Kommentare zu „Scheu sind sie geworden“

  1. Gefühlt wird die Scheu der Wildtiere immer größer. Schuld daran ist der ständige Jagddruck vor dem die Tiere nicht mal in der im Wald ihre Ruhe haben. Sicherlich mag es noch Gebiete geben, in denen man Wildtiere aus “sicherer” Entfernung beobachten kann, aber auch dort sind diese schnell im Unterholz verschwunden wenn Sie einen bemerken. Schon traurig und für die Natur sicherlich nicht gesund. Das die Jägerschaft den “schnellen” Tod wieder schön redet war doch klar, aber das zeigt mal wieder wie ein Teil dieser Zunft tickt. Handeln tun diese zum Teil aber anders – Tiere werden zum Teil absichtlich angeschossen damit Sie sich noch weiter quälen, damit man Sie ggf. im Zuge der Nachsuche mit dem Messer erlegen kann oder damit die Hunde auch noch einen Erfolg haben. Bei der illegalen Jagd auf Wölfe ist das auch ein gern benutztes Mittel, damit sich der angeschossene Wolf in ein anderes Jagdrevier schleppt und somit der Verdacht wem anders in die Schuhe geschoben wird. Danke für diesen wichtigen Beitrag und deinen unermüdlichen Einsatz für Natur & Tier und dein kritisches Auge auf die Jagd. Viele dieser Dinge erfährt man nicht, wenn man nicht danach sucht. Die Medien werden so etwas niemals aufdecken. Warum das so ist kann man nur schwer erklären, aber die Macht dieser “Personenkreise” scheint mancherorts unüberwindbar! Bye the way … Tolles Fotos, welches einem mittlerweile nur noch mit viel Geduld gelingt! 🐺🤝🐾

  2. Herbst und Winter verbinde ich auch sehr mit Jagdhochsaison. Allein der Begriff „Gesellschaftsjagd“ ist so beschönigend, „geselliges“ Treiben und Hetzen in den Lebensräumen der Wildtiere, da können diese ja nur scheu und flüchtig werden. Das angepasste Verhalten der Wildtiere zeigt wieder, wieviel Bedrohung vom Menschen ausgeht, viel mehr als von den natürlichen Beutegreifern. Ein super Beitrag 👍 und eine sehr bereichernde Homepage 👏

  3. Interessant ist, dass die Jäger selber beklagen, dass das Wild so scheu ist. Ich hab mir gestern mal das Gejammer ob der fehlenden Sichtungen bei der Blattjagd angetan. Da wird für teuer Geld ein Rehblatter angeschafft, man/frau hockt fiepend in der Ballerbude und was passiert? Nüscht.

    Ich brauch keinen Blatter, ich hock mich irgendwo friedlich hin und die Tiere kommen. Ganz ohne Sichtung bin ich noch nie heimgekommen. Ohne Foto klar, aber Sichtungen hab ich immer. Gestern in einer Stunde drei Rehe und drei Wildschweine.

    Die Jägerschaft verursacht also ein Problem, was sie selbst dann betrifft. Schafft auch nicht jeder. 🙂

    Mir jammerte mal ein SUV-fahrender Lodenträger vor, es sei meine Schuld, dass er und seine Jagdgäste nichts vor die Flinte bekämen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon mehrere Hirsche und ein Kahlwildrudel gesehen. Hab ihn höflich drauf hingewiesen, dass er seine Unfähigkeit bitte nicht auf mich projizieren möge. Fand er nicht gut. ^^

  4. Versetzen wir uns doch einfach mal in die Lage der Wildtiere. Würden wir denn nicht genauso reagieren? Uns zurückziehen, in einen ruhigen Bereich, in dem wir nicht so schnell zu finden sind, auch wenn Mutter Natur uns dafür nicht vorgesehen und ausgestattet hat.
    Wenn man liest mit welchen Mitteln heutzutage gejagt wird, wird mir Angst und Bange. Wie schnell besteht doch da die Gefahr mal aus Versehen mit Wild verwechselt zu werden. Aber das spiegelt sich ja auch in den Zahlen der eigenen Selektion innerhalb der Hobbyjägerschaft wieder, die du uns schon in anderen Beiträgen aufgeführt hast.
    Am Wochenende war ich in zwei NSG’en unterwegs und konnte zu meiner Freude Rehe beobachten. Es waren nicht viele, aber dennoch war es so schön sie mitten am Tag auf einer grünen Wiese zu sehen.
    Auch ich habe schon die Erfahrung gemacht, wenn ich mich ruhig verhalte und abwarte, kommen die Tiere (egal ob mit vier Beinen oder mit zwei Beinen und Flügeln) von alleine auf mich zu. So als ob sie spüren, dass von mir vertrauen können und von mir keine Gefahr ausgeht. Das sind dann auch immer die Momente, die mich besonders freuen und mir immer wieder eine Gänsehaut bescheren. Momente die man besonders genießt und für einen unvergesslich sind.
    Wie Matthias auch schon geschrieben hat, findet man solche Beiträge leider nicht in den Medien. Ich persönlich finde das sehr schade. An dieser Stelle mal wieder ein ganz dickes Dankeschön für deine mühevolle Arbeit und Recherchen, um uns mit Fakten und Sachlichkeit aufzuklären.
    Zum Schluss noch ein paar Worte zu deinem Bild. Es ist wunderschön die Friedlichkeit und Ruhe zu sehen, die in diesem Bild liegt.

  5. Klasse recherchiert und wieder mal tolle Informationen, die hoffentlich viele erreichen, damit endlich erkannt wird, dass Hobbyjagd nicht die Probleme löst, sondern verursacht. Was die Treffsicherheit mit Langwaffen betrifft: Es gibt bei insta einen Account, da geht es im wesentlichen um den Einsatz von Kurzwaffen, die offenbar in der Schiessausbildung bei der Jägerschaft viel zu kurz kommen. Bei nicht tödlichen Schüssen wird das schwerverletzte Wild immer noch old school mit einem Messer getötet, statt sauber und schnell mit einer Kurzwaffe. Dort wird erstaunlich offen die ungenügende und viel zu kurze Ausbildung an Langwaffen diskutiert. Jäger haben heutzutage tatsächlich Bedenken, an Treib-/Drückerjagden teilzunehmen, aus Angst um ihr Leben. Wir kennen ja alle die Berichte, wo ein Pferd für ein Wildschwein gehalten wurde, Schüsse in Wohnmobilen landeten und Jäger durch Schüsse anderer Jäger schwerverletzt, sogar getötet wurden. Wie kann das sein, dass die Politik es offenbar hinnimmt, dass mangelhaft ausgebildete Jäger durch die Gegend rennen mit einer Waffe, die sie nicht beherrschen? Wie kann das sein, dass die Politik immer noch die Hobbyjagd unter solchen Voraussetzungen erlaubt? Zumal ja außerdem bekannt ist, dass durch die Jagd als solches die Wildbestände nicht in den Griff zu bekommen sind. Ich bin nach wie vor fassungslos.
    Ehe ich es vergesse: Das Foto ist super 😍

  6. Ein sehr schönes und stimmiges Bild Guido, nur traurig, dass solche Natur-Bilder nur noch so selten zu sehen sind.
    Gerade heute musste ich daran denken, als zwei Rehe an mir
    “vorbeischossen” wer weiß
    warum?
    Die Jagd kann keine sinnvolle
    Selektion sein… zumindest nicht im Sinne der Natur.
    Eine sehr guter Beitrag, der dieses Thema von allen Seiten beleuchtet, und aufzeigt, was die Jagd für einen negativen Einfluss auf das gesamte Ökosystem hat.

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