Jagd reguliert nicht

 

Audio-Version des Beitrags abspielen:

Garantiert KI-frei: Bilder, Text, Audio alles in „Handarbeit“

Jagd reguliert nicht

Dieser Satz provoziert, weil die Jagd ihre gesellschaftliche Berechtigung seit Jahrzehnten vor allem mit einem Begriff begründet, der Wissenschaftlichkeit und Notwendigkeit vermitteln soll, Regulation. Doch Töten ist nicht automatisch Regulation. Wer Tiere erschießt, verringert zunächst lediglich ihre augenblickliche Zahl. Ob eine Population dadurch dauerhaft kleiner wird, stabil bleibt oder ihre Verluste durch verstärkte Fortpflanzung und Zuwanderung ausgleicht, ist eine völlig andere Frage. Die Antwort darauf folgt jahrmillionenalten biologischen Mechanismen.

Die Größe einer Wildtierpopulation wird nicht durch eine einzelne Stellschraube der „Entnahme“ bestimmt. Entscheidend ist das gesamte Beziehungsgefüge aus Lebensraum, Nahrung, Klima, Krankheiten, Konkurrenz, Fortpflanzung, Zuwanderung, Abwanderung, sozialer Organisation und natürlichen Beutegreifern. Dieses kraftschlüssige Dreieck aus Pflanzen, Pflanzenfressern und Fleischfressern ist kein starres Gleichgewicht, sondern ein fortwährender Prozess aus Werden, Vergehen, Anpassung, Veränderung und Evolution.

Natur kennt keinen behördlich festgelegten Sollbestand und keine wirtschaftlichen Interessen. Natur kennt günstige und ungünstige Jahre, reiche und knappe Nahrungsphasen, Geburtenüberschüsse, Sterblichkeit, Wanderungen, Krankheiten und räumliche Verschiebungen. Populationen schwanken. Diese Schwankungen sind kein Beweis für ein Versagen, sondern Ausdruck ihrer fortwährenden Dynamik.

 

Natur reguliert durch Beziehungen

Wie viele Tiere in einem Gebiet leben können, hängt von seiner ökologischen Tragfähigkeit ab. Diese Tragfähigkeit ist jedoch keine feststehende Zahl. Sie verändert sich mit dem Nahrungsangebot, der Struktur des Lebensraumes, der Witterung, den Rückzugsmöglichkeiten und den Beziehungen zu anderen Arten.

Auch Beutegreifer wirken nicht nach der Logik menschlicher Abschusspläne. Ihr Einfluss unterscheidet sich je nach Art, Landschaft, Beutedichte und Umweltbedingungen. Sie können Bestände unmittelbar beeinflussen, wirken aber zugleich auf das Verhalten, die Raumnutzung, die Fitness und die soziale Organisation ihrer Beutetiere. Sie entfernen häufig verletzte, geschwächte, unerfahrene oder schlecht angepasste Individuen. Damit sind sie Teil eines über lange Zeit entstandenen evolutionären Zusammenhangs.

Der Mensch kann diese Funktion nicht einfach übernehmen. Er jagt mit Gewehr, Wärmebildtechnik, Fahrzeugen, Fütterungen, Jagdhunden und revierbezogenen Abschussvorgaben. Hinzu kommen eigene Interessen, die unmittelbar aus dem System der Revierjagd entstehen. Seine Auswahl folgt nicht denselben Bedingungen wie die eines natürlichen Beutegreifers. Häufig werden gut entwickelte, sichtbare, trophäentragende oder gerade günstig erreichbare Tiere getötet. Das ist keine natürliche Selektion, sondern ein menschlich erzeugter Selektionsdruck, der evolutionäre Prozesse verändert.

 

Töten ist noch keine Regulation

Selbstverständlich kann eine ausreichend intensive und über längere Zeit fortgesetzte Tötung eine örtliche Population reduzieren. Daraus folgt jedoch nicht, dass die übliche Freizeitjagd einen Bestand dauerhaft reguliert oder dass jedes getötete Tier ökologisch notwendig war.

Wildtiere können Verluste durch populationsbiologische Ausgleichsmechanismen teilweise kompensieren. Werden Tiere entfernt, stehen den Überlebenden mehr Nahrung, Raum und Fortpflanzungsmöglichkeiten zur Verfügung. Frei gewordene Reviere werden durch Zuwanderung besetzt, Jungtiere überleben häufiger und mehr Weibchen können sich fortpflanzen.

Bei Wildschweinen zeigte eine Langzeituntersuchung über 22 Jahre, dass hoher Jagddruck früher geborene Tiere begünstigte, die dadurch bereits im ersten Lebensjahr an der Fortpflanzung teilnehmen konnten. Auch beim Fuchs können bei sinkender Populationsdichte mehr junge Weibchen fortpflanzungsfähig werden. Jagd erzeugt damit nicht nur Verluste. Sie verändert zugleich die Bedingungen, unter denen die nächste Generation entsteht.

Beim Reh beeinflussen Körpermasse, Alter, Populationsdichte und Umweltbedingungen den Fortpflanzungserfolg und die Zahl der Embryonen. Eine europaweite Untersuchung an 59 Standorten zeigte, dass die durchschnittliche Embryonenzahl mit zunehmender Populationsdichte sank. Werden Bestände ausgedünnt, können geringere Konkurrenz, ein größeres Nahrungsangebot und eine bessere körperliche Verfassung der verbleibenden Ricken daher eine höhere Fortpflanzungsleistung begünstigen. Zwillinge gehören mittlerweile zur üblichen Fortpflanzungsbiologie des Rehs, doch auch Drillinge sowie seltene Vierlings- und sogar Fünflingsanlagen belegen sein erhebliches Fortpflanzungspotenzial. Solche außergewöhnlichen Mehrlingsanlagen beweisen für sich genommen noch keine unmittelbare Reaktion auf Jagddruck, passen jedoch zu den populationsbiologischen Ausgleichsmechanismen, durch die Verluste zumindest teilweise kompensiert werden können. Beim Wolf ist belegt, dass sich innerhalb eines Rudels mehrere Weibchen fortpflanzen können. Ob Abschüsse solche Entwicklungen auslösen oder begünstigen, wird weiter untersucht.

Gerade beim Fuchs ist die Wirkung begrenzter Entnahmen gut dokumentiert. Örtliche Lücken werden durch Fortpflanzung und Zuwanderung häufig wieder geschlossen. Auch Luxemburg verzichtet seit 2015 auf die Fuchsjagd, ohne dass die angekündigte unkontrollierbare Überpopulation eingetreten wäre.

Abschusszahlen allein beweisen deshalb keine erfolgreiche Regulation. Wer jedes Jahr Hunderttausende Tiere einer Art tötet und im folgenden Jahr erneut ähnlich viele töten kann, sollte zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Jagd den Bestand gar nicht dauerhaft vermindert.

 

Das Revierjagdsystem schafft seinen eigenen Bedarf

Die deutsche Jagd ist nicht lediglich eine Methode zur gelegentlichen Lösung einzelner Wildtierkonflikte. Sie ist flächendeckend als Revierjagdsystem organisiert.

Das Bundesjagdgesetz bindet das Jagdrecht an bestimmte Grundflächen und erklärt es zur ausschließlichen Befugnis, dort jagdbare Tiere zu hegen, zu bejagen und sich anzueignen. Jagdflächen werden als Eigenjagdbezirke oder gemeinschaftliche Jagdbezirke organisiert. Das Jagdausübungsrecht kann verpachtet werden. Teile des Schalenwildes werden nach Maßgabe des Bundes- und Landesrechts über Abschusspläne bewirtschaftet.

Damit werden große Teile der Landschaft in jagdliche Zuständigkeitsräume aufgeteilt. Doch Wildtiere kennen keine Reviergrenzen. Füchse, Hirsche, Rehe, Wildschweine, Wölfe und andere Arten bewegen sich entlang von Nahrungsangebot, Deckung, Fortpflanzungsräumen und Wanderkorridoren. Ihre Populationen leben nicht innerhalb der Grenzen von Pachtverträgen.

Das Revierjagdsystem betrachtet Natur dennoch aus der Perspektive einzelner Jagdbezirke. Es fördert das Denken in Kategorien wie mein Revier, mein Wildbestand, meine Abschussquote und meine Jagdmöglichkeit. Aus frei lebenden Tieren wird gedanklich ein zu bewirtschaftender Bestand.

Genau hier entsteht ein grundlegender Interessenkonflikt. Diejenigen, die ein persönliches Interesse an der Jagdausübung haben, sind zugleich an Hege, Bestandsbewertung und Abschussplanung beteiligt. Sie sollen Wildbestände erhalten und gleichzeitig beurteilen, welche Tiere angeblich zu viel sind. Ein System, das dauerhaft jagdbare Bestände und Jagdmöglichkeiten benötigt, kann sich kaum als neutrale Instanz zu deren Begrenzung darstellen.

Auch die gesetzliche Hege ist nicht am freien Naturprozess ausgerichtet. Sie soll einen artenreichen und gesunden Wildbestand erhalten und zugleich Beeinträchtigungen der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft möglichst vermeiden. Natur wird damit nicht vorrangig als eigendynamisches Beziehungsgefüge verstanden, sondern als Bestand, der menschlichen Nutzungszielen angepasst werden soll.

Revierjagd ist deshalb weit mehr als das Töten einzelner Tiere. Sie ist ein System aus territorialem Anspruch, Hege, Fütterung, Abschussplanung, Jagdpacht, Wildverwertung, Trophäeninteresse und fortwährender Rechtfertigung des nächsten Eingriffs.

 

Erst füttern, dann Überbestand beklagen

Die ökologische Tragfähigkeit eines Lebensraumes wird heute längst nicht mehr allein durch natürliche Nahrung bestimmt. Energiereiche Feldfrüchte, milde Winter, Ernterückstände, Abfälle, Kirrungen, Ablenkfütterungen und weitere menschliche Nahrungsquellen verändern die Lebensbedingungen zahlreicher Wildtierarten.

Besonders deutlich wird dieser Widerspruch beim Wildschwein. Landwirtschaftliche Kulturen bieten über Monate ein hochenergetisches Nahrungsangebot. Zusätzlich wird an Kirrungen Futter ausgebracht, um Tiere an bestimmte Orte zu locken und sie dort leichter töten zu können. Die rheinland-pfälzische Verordnung formuliert unverblümt, die Kirrung diene ausschließlich dem Ziel, Wild anzulocken, um es zu erlegen.

Kirrungen allein erklären keine Bestandsentwicklung. Sie sind jedoch Teil eines vom Menschen erweiterten Nahrungsangebotes. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass günstige Ernährungsbedingungen über Körpergewicht und Kondition den Fortpflanzungserfolg von Wildschweinen begünstigen können.

Damit entsteht ein Kreislauf. Der Mensch erweitert das Nahrungsangebot, verbessert unter günstigen Bedingungen Überlebenschancen und Fortpflanzung und bezeichnet die daraus begünstigten Bestände anschließend als natürlichen Überschuss, den er regulieren müsse.

Wer erst zusätzliche Energie in eine Population einbringt und danach deren Größe als Begründung für weitere Abschüsse verwendet, löst kein Problem. Er bewirtschaftet es.

 

Die Jagdstrecke beweist nur, dass Tiere getötet wurden

Jagdstrecken werden regelmäßig als Beleg erfolgreicher Regulation präsentiert. Tatsächlich dokumentieren sie zunächst nur, wie viele Tiere getötet und gemeldet wurden.

Eine hohe Jagdstrecke sagt nicht automatisch, wie groß die Population zuvor war. Sie sagt ebenso wenig, wie sich der Bestand ohne Jagd entwickelt hätte, wie viele Tiere zugewandert sind, wie hoch die natürliche Sterblichkeit war oder in welchem Umfang Fortpflanzung und Überleben auf die Entnahmen reagiert haben.

Abschusspläne erwecken den Eindruck, Wildtierbestände ließen sich genau bestimmen. In freier Landschaft ist eine solche Genauigkeit jedoch meist nicht möglich. Wildtiere lassen sich nicht wie Tiere in einem Stall vollständig erfassen. Sichtbeobachtungen, Rückrechnungen, Jagdstrecken und Schätzverfahren liefern Anhaltspunkte, aber keine lückenlose Bestandsbilanz.

Eine nachgewiesene Regulation müsste an nachvollziehbaren ökologischen Zielen und belastbaren Daten gemessen werden. Dazu gehörten die langfristige Bestandsentwicklung, eine gesicherte Ursachenanalyse, die ökologische Tragfähigkeit des Lebensraumes, Zu- und Abwanderung, Fortpflanzung und natürliche Sterblichkeit sowie möglichst der Vergleich mit Gebieten ohne Jagddruck.

Das bloße Erfüllen eines Abschussplanes beweist dagegen nur, dass ein zuvor festgelegtes Tötungsziel erreicht wurde. Es beweist weder, dass der Bestand dauerhaft gesunken ist, noch dass der Abschuss ökologisch notwendig war.

 

Jagd verändert mehr als Tierzahlen

Jagd entnimmt nicht nur Tiere. Sie verändert auch ihr Verhalten.

Wildtiere lernen, wann und wo Menschen für sie gefährlich sind. Sie verlagern ihre Aktivitäten in die Nacht, meiden offene Flächen, suchen Deckung, verändern Wanderrouten und konzentrieren sich zeitweise in Rückzugsräumen. Untersuchungen zeigen, dass Bewegungsjagden deutliche räumliche Reaktionen bei Wildschweinen auslösen und Jagddruck die Raumnutzung großer Säugetiere dauerhaft verändern kann.

Damit kann Jagd sogar jene Probleme verschärfen, zu deren Lösung sie angeblich dient. Werden Pflanzenfresser von offenen Nahrungsflächen in dichte Waldbereiche gedrängt, kann sich der Verbiss dort konzentrieren. Das Auseinanderreißen von Familienverbänden oder die Tötung erfahrener Tiere kann zum Verlust von sozialem Wissen, räumlicher Orientierung und erlernten Verhaltensweisen führen. Die überproportionale Entnahme bestimmter Altersklassen verändert zudem den Aufbau einer Population.

Wissenschaftliche Arbeiten zur selektiven Jagd beschreiben mögliche Folgen wie verschobene Geschlechterverhältnisse, veränderte Fortpflanzungsabläufe, instabilere Sozialstrukturen und den Verlust erfahrener Individuen. Die Folgen einer Entnahme hängen deshalb nicht nur von der Zahl der getöteten Tiere ab, sondern ebenso davon, welche Tiere zu welchem Zeitpunkt und aus welcher sozialen Struktur entfernt werden.

Ein junges, sozial unerfahrenes Tier ersetzt nicht automatisch ein älteres, erfahrenes Tier. Eine Population ist keine austauschbare Ansammlung gleichwertiger Körper.

 

Artenschutz beginnt beim Lebensraum

Besonders widersprüchlich wird die jagdliche Argumentation dort, wo die Tötung von Füchsen, Mardern oder anderen Beutegreifern, jagdlich noch immer gern als „Raubzeug“ bezeichnet, mit dem Schutz bedrohter Arten begründet wird.

Feldhase, Rebhuhn, Kiebitz und viele weitere Arten verschwinden nicht in erster Linie deshalb aus der Landschaft, weil die Natur angeblich zu viele Beutegreifer hervorgebracht hat. Sie verschwinden vor allem dort, wo Hecken, Brachen, Feuchtstellen, Insekten, Deckungsräume, ungestörte Brutflächen und vielfältige Übergangszonen fehlen, kurzum ihre jeweiligen Lebensräume.

Eine ausgeräumte Agrarlandschaft wird nicht wieder artenreich, indem man Füchse erschießt. Ein fehlender Lebensraum lässt sich nicht durch einen leeren Fuchsbau ersetzen.

Pauschale „Raubzeugbekämpfung“ lenkt von den eigentlichen Ursachen des Artenverlustes ab. Sie erhält die Illusion, man könne die Folgen zerstörter Lebensräume durch das Töten anderer Tiere ausgleichen. Darüber wird das Narrativ der dicht besiedelten Kulturlandschaft gelegt, in der natürliche Prozesse angeblich nicht mehr funktionieren und der Mensch deshalb regulierend eingreifen müsse. Doch gerade diese Kulturlandschaft ist kein Naturzustand, sondern das Ergebnis menschlicher Nutzung, Verarmung und Verdrängung. Ihre ökologischen Defizite können nicht der Natur angelastet und anschließend als Begründung für weitere Eingriffe verwendet werden.

Dass selbst zurückgehende oder regional gefährdete Arten teilweise weiterhin jagdbar bleiben, zeigt zudem, dass jagdliche Nutzbarkeit und ökologische Notwendigkeit keineswegs dasselbe sind. Nicht alles, was gesetzlich getötet werden darf, muss aus Gründen des Naturschutzes getötet werden.

 

Natur ist kein Bestand

Die heutige Revierjagd fügt sich in natürliche Prozesse nicht neutral ein. Sie entnimmt, selektiert, stört, füttert, plant und verändert soziale Strukturen. Anschließend erklärt sie viele der von ihr mitgeprägten Zustände zur Begründung ihrer eigenen Fortsetzung.

Wo ein Eingriff tatsächlich erforderlich ist, muss er wissenschaftlich begründet, staatlich kontrolliert, gezielt und auf das unbedingt notwendige Maß begrenzt sein. Alles andere ist keine Regulation der Natur. Es ist die Regulierung der Natur nach menschlichen Nutzungswünschen.

Natur ist nicht das sichtbare Gefüge aus Tieren und Pflanzen, das sich steuern oder regulieren lässt. Natur ist die unaufhörliche Dynamik von Werden und Vergehen, Anpassung, Konkurrenz, Kooperation, Fortpflanzung, Zerfall und Neubeginn. Sie existiert in Beziehungen, Wechselwirkungen, eigendynamischer Entfaltung und fortwährender Evolution. Natur ist kein Zustand, den man herstellen kann, sondern ein Prozess, den man nur zulassen oder unterbrechen kann.

Die Hobbyjagd kann sich in diese komplexen Prozesse nicht einfach einfügen. Sie folgt eigenen Zielen, Interessen und Auswahlkriterien und erzeugt damit einen zusätzlichen menschlichen Selektionsdruck. Sie ist nicht Teil natürlicher Regulation, sondern ein tiefgreifender Eingriff in deren Abläufe.

Natur zu respektieren heißt auch, ihre Härte zu respektieren. Hunger, Krankheit, Konkurrenz und Tod sind keine Fehler, die der Mensch jagdlich korrigieren oder durch vermeintliche Erlösung beseitigen müsste. Sie sind Teil natürlicher Auslese, Anpassung und fortwährender Evolution. Wer Tiere entnimmt, Leid bewertet und Lebensprozesse nach menschlichem Ermessen beendet, greift tief in Arten, Populationen und ihre Beziehungen ein.

Der Natur zuliebe müssen wir deshalb nicht jeden Prozess beherrschen. Wir müssen wieder lernen, ihn auszuhalten und zuzulassen.

Anlagen:

 

 

Studie zur Populationsdynamik hinsichtlich der Rehe, Warum immer mehr Zwillings und Drillingsgeburten?  Anlage und Anlage PDF 

Rehe immer öfter mit Drillingen zu sehen: Anlage

Hier Anlage bin ich wirklich gespannt. Was längst vermutet wird, könnte dann sichtbar werden. Die geplante Bestandsregulierung der Wölfe, also jährlich bis zu 40 Prozent der Welpen zu töten, wird sehr wahrscheinlich nicht beruhigen, sondern die Populationsdynamik eher anheizen.

Fachleute gehen davon aus, dass solche Eingriffe Rudelstrukturen destabilisieren können. Dann kann es zu Mehrfachbelegungen innerhalb eines Rudels kommen, weil natürliche Sozialordnungen aufbrechen. Die Natur reagiert auf Druck nicht mit Gehorsam, sondern mit Gegenbewegung.

Deshalb drängt sich der Verdacht auf, dass genau das sogar einkalkuliert ist. Ein instabiles Wolfsvorkommen liefert wieder neue Konflikte, neue Schlagzeilen und neue Begründungen für weitere Eingriffe, und das ausgerechnet in einem Land, das ohnehin eine der höchsten Schalenwilddichten Europas hat.

Prof. Dr. Reichholf Populationsdynamik, wesentlicher Auszug! Warum Jagd immer mehr Wildtiere „produziert“. Dazu nur Play unten links klicken.

Populationsdynamik. Alle Wildtierbestände regulieren sich von selbst, auch ohne Jagd und ohne Prädatoren! Video

Jagdstrecken Schalenwild 90er bis heute von Umweltanalysen.com: Anlage

Weitere Anlagen auf meiner anderen Seite, die der Linksammlung Seite hier

5 4 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
4 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Peter Gäbelein
Peter Gäbelein
7 Tage vor

Hallo Guido,
Sabine und Martin haben es schon perfekt kommentiert. Dein Artikel ist wieder sehr gut geschrieben und die zahlreichen Anlagen unterstreichen deine analytischen Ansätze.

Vielen Dank für die viele Zeit und Arbeit, die du hier im Sinne der Natur investierst.

Viele Grüße
Peter

Michaela Sauthoff-Kaiser
Michaela Sauthoff-Kaiser
8 Tage vor

Ich habe diesen Beitrag nun einige Zeit „sacken“ lassen und halte ihn für außergewöhnlich klar und wichtig. Besonders stark ist die Zuspitzung, dass nicht Jagd Populationen reguliert, sondern Umweltkapazität, Nahrung, Krankheit, Sozialstruktur und ökologische Wechselwirkungen. Genau diese Aufklärung ist so wertvoll, weil sie den Mythos vom Menschen als Ersatzprädator fachlich sauber zerlegt.

In der Populationsdynamik ist seit Jahrzehnten bekannt, dass Jagd Bestände nicht einfach senkt, sondern durch soziale Störung und kompensatorische Reproduktion sogar antreiben kann. Dass dies selbst in der Wild und Hund 23/2002 zur „Wildschweinschwemme“ von Norbert Happ, Revierförster, Wildtierbiologe und Buchautor, bereits thematisiert wurde, macht die heutige Regulierungsrhetorik umso fragwürdiger. Hier steht nicht Meinung gegen Meinung, sondern ein Naturbild gegen ein Besitz- und Kontrollsystem. Aufklärung in selten präziser Form.

Nun sollte man meinen, dass ein derartig brillanter und wieder akribisch recherchierter Beitrag, besonders mit Blick auf die erschreckende Studie zu den Mehrlingsgeburten bei Rehen, alte Denkmuster aufbricht. Doch weit gefehlt. Da ist die Landwirtin, böse gestikulierend, deren Argument lautet, die Feldwege gehörten ohnehin den Bauern. Da ist der Berufsjäger, der mit fadenscheinigen Studien um sich wirft, nach denen die Chance des Rebhuhns im Niederwildrevier angeblich nur darin besteht, sich aller Prädatoren, vor allem des Fuchses, zu entledigen, ohne auch nur im Ansatz das Gesamtkonzept Natur im Blick zu haben. Da wird kommentiert, auf Stammtischniveau mit Killerphrasen gearbeitet oder rhetorisch geschickt Meinung als Fakt verkauft.

Warum das so ist, beschreibst du in deiner Buchneuauflage durch den Begriff Prägung noch einmal besonders eindringlich. Das ist keine Entschuldigung, hilft aber zu verstehen, warum ein „Nicht-umdenken-wollen“ oft aus einem tief verankerten „Nicht-umdenken-können“ entsteht. Ein echtes Umdenken verlangt einen radikalen Perspektivwechsel. Es bedeutet, das bisherige Denken und Handeln infrage zu stellen. Im Grunde stellt man sich selbst infrage. Diese Reflexion ist der erste Schritt einer Entwicklung, durch die wir unglaublich viel gewinnen können.

Zugleich bedeutet ein solches Umdenken auch Verlust, denn das bisherige Umfeld teilt die neue Sicht oft nicht. Darum braucht dieser Weg vor allem eines. Mut. Mut, lieber Guido, den du in den letzten Jahren bewiesen hast, der dich hat wachsen lassen und der letztlich zu einer Neuausgabe dieses überaus wertvollen Buches geführt hat.

Dafür danke, mein Freund. Und um es abschließend mit deinen Worten an dich zu sagen.

„Wir kämpfen weiter.“

Sabine
Sabine
8 Tage vor

Danke Guido für diesen Beitrag, der wie immer hervorragend recherchiert und belegt ist und so wunderbar ohne Schwarz-Weiß-Denken daherkommt.
Liebe Grüße aus dem Saarland

Martin Grossniklaus
Martin Grossniklaus
9 Tage vor

Danke für diesen wichtigen Beitrag Guido!

Er bringt sehr gut auf den Punkt, was in vielen Debatten über Jagd, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Naturpflege oft verdrängt wird: Die Natur lässt sich nicht dauerhaft beherrschen, ohne dass irgendwann die Folgen sichtbar werden.

Für mich gehören viele Eingriffe in die Natur zusammen: intensive Landwirtschaft, übereifrige Hobby Jäger, manche Hobby Gärtner, aber auch Förster und andere selbsternannte Ordnungshüter der Natur. Alle meinen auf ihre Weise, Natur lenken, kontrollieren oder „verbessern“ zu müssen. Dabei wird oft übersehen, dass natürliche Prozesse viel komplexer sind als jede menschliche Planung je sein könnte.

Trotz jahrhundertealter Erfahrung und Tradition ist ausgerechnet das Wissen vieler früherer Generationen, besonders aus der Zeit vor der Industrialisierung, in vielen Köpfen verloren gegangen: nämlich das Bewusstsein, dass der Mensch Teil der Natur ist und sie nicht beliebig beherrschen kann. Stattdessen haben Wirtschaftlichkeit, Besitzdenken, Kontrollwahn und Freizeit- bzw. Tötungsvergnügen dieses Verständnis vielerorts verdrängt.

Heute zeigen uns Studien, wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch alte Texte und Erfahrungsberichte wieder sehr deutlich: Vieles von dem, was seit rund einem Jahrhundert als Bewirtschaftung, Regulierung oder Pflege der Natur verkauft wird, nicht wirklich funktioniert. Vielleicht hat es sogar nie so funktioniert, wie es behauptet wurde. In manchen Bereichen wie der Jagd sogar mit wissenschaftlichen Belegen, wie du sie im Beitrag erwähnst. Oft werden Probleme, die durch menschliche Eingriffe entstanden sind, anschliessend mit noch mehr Eingriffen gelöst. Das ist ein Teufelskreis.

Die grosse Aufgabe wird sein, dieses Denken aus den Köpfen jener herauszubekommen, die sich selbst als „Bewahrer der Ordnung“ sehen, in Wahrheit aber häufig zur Zerstörung natürlicher Zusammenhänge beitragen. Das betrifft nicht nur Jäger, sondern alle Bereiche, in denen Natur auf Nutzen, Ertrag, Sauberkeit oder Kontrolle reduziert wird.

Es ist wie bei einem Haus, aus dem man nach und nach tragende Balken entfernt: Eine Zeit lang scheint alles noch stabil zu sein, und man redet sich ein, es werde schon halten.
Doch irgendwann entstehen Risse, Wände geraten ins Wanken oder das Dach stürzt ein. Dann erst begreift man, dass man die Grundlagen zerstört hat. Aber dann ist es oft zu spät.

Genau deshalb müssten wir viel früher begreifen, dass Natur keine Maschine ist, an der man beliebig Stellschrauben drehen kann. Sie braucht vor allem eines: mehr Raum, mehr Geduld und deutlich weniger menschliche Überheblichkeit. Lasst die Natur in Ruhe, sie kann das selbst.

Grüsse aus der Schweiz!

Nach oben scrollen
4
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x