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dazu würde ich mich über ein Feedback sehr freuen, stehe dem Medium selbst gespalten gegenüber, offensichtlich aber kommt es bei jüngeren sehr gut an. Eure sehr geschätzte Meinung bitte an naturdigital@email.de
Biodiversität und Kulturlandschaft
Warum Artenvielfalt mehr ist als eine lange Artenliste und weshalb Natur wieder Raum braucht
Biodiversität und Artenvielfalt klingen für viele wie zwei Wörter für dasselbe. Doch wer über Wolf, Luchs, Weidetiere, Wald, Landwirtschaft und die Zukunft unserer Lebensräume spricht, muss genauer unterscheiden. Eine Landschaft kann grün wirken und dennoch ökologisch verarmt sein.
Biodiversität umfasst drei verbundene Ebenen. Die Vielfalt der Ökosysteme und Lebensräume, die Artenvielfalt und die genetische Vielfalt innerhalb einer Art. Gemeinsam machen sie lebende Systeme widerstandsfähig. Biodiversität ist Grundlage für fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Bestäubung, Klimaregulation, Ernährung und Gesundheit. [1]
Küsten, Moore, Wälder, Auen, Brachen, Stadtparks und strukturreiche Gärten besitzen jeweils eine eigene Biodiversität. Entscheidend sind Lebensräume, Nahrung, Fortpflanzungsstätten, Rückzugsräume und natürliche Dynamik. Verschwinden Lebensräume, genetische Vielfalt und ganze Funktionsgruppen, verlieren Ökosysteme ihre Fähigkeit, Störungen auszugleichen.
Grün ist nicht automatisch Natur
Alte Parkanlagen, Bahntrassen, Kleingärten, Friedhöfe und Brachen können in Städten eine erstaunliche Artenvielfalt beherbergen. Stadtgrün ersetzt jedoch keine naturnahen Wälder, Moore, Auen oder extensiven Wiesen. Strukturreiche Siedlungsräume bieten heute teilweise mehr ökologische Nischen als ausgeräumte Agrarflächen. Das Land kann grün und dennoch biologisch ärmer sein als ein vielfältiger Stadtrand. [2] [3]
Wir bewerten Natur häufig nach Farbe, Ordnung und Gewohnheit. Ein gleichförmiges Feld, ein kurz gemähter Deich oder ein aufgeräumter Forst erscheinen vertraut und deshalb gesund. Doch menschliche Ordnung ist kein ökologisches Qualitätsmerkmal. Ein grüner Bestand kann Produktionsfläche sein, während ein alter Wald mit Lücken, Totholz und umgestürzten Bäumen ein hochkomplexes Ökosystem bildet.
Deutschland ist fast vollständig Nutzlandschaft
Im Jahr 2024 wurden 50,2 Prozent der deutschen Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt, 29,9 Prozent waren Wald und 14,6 Prozent Siedlungs- und Verkehrsfläche. Zusammen umfassen diese Kategorien fast 95 Prozent des Landes. [4]
Die Statistik sagt wenig über die Naturqualität aus. Landwirtschaft kann artenreich oder artenarm, Wald naturnah oder Produktionsbestand sein. Auch Siedlungen können versiegelt oder ökologisch wertvoll sein.
Die vierte Bundeswaldinventur zeigt mehr Laubbäume, ältere Bestände, mehr Totholz und 79 Prozent Mischwälder. Zugleich entsprechen nur 16 Prozent einer sehr naturnahen und weitere 22 Prozent einer naturnahen Baumartenzusammensetzung. Der überwiegende Teil bleibt bewirtschaftet. Naturwaldentwicklung ohne forstliche Nutzung ist deshalb notwendige Ergänzung und wissenschaftliches Referenzsystem. [5] [6]
Ein Holzbestand ist noch kein vollständiges Waldökosystem. Waldnatur benötigt alte und absterbende Bäume, Höhlen, Totholz, Lichtungen, natürliche Verjüngung, Beutegreifer, Pflanzenfresser, Pilze und Zeit.
Die Krise des Agrarlandes
Pflanzenschutzmittel, hohe Nährstoffeinträge, große Schläge, fehlende Brachen, beseitigte Hecken und häufige Mahd vereinheitlichen Lebensräume und unterbrechen Nahrungsketten. Das Agrarland liegt deutlich unter dem politischen Zielwert für Artenvielfalt. Besonders viele Vogelarten der offenen Landschaft haben drastisch abgenommen. [3] [7]
Auch Grünland ist nicht automatisch artenreich. Extensiv bewirtschaftete, nährstoffarme Wiesen und Weiden gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Vieles wurde durch Düngung, Entwässerung, häufige Mahd und Nutzungsänderung entwertet. Seit den 1950er Jahren gingen rund 98 Prozent des mesophilen, eher nährstoffarmen Grünlandes verloren. Etwa zwei Drittel der deutschen Biotoptypen gelten langfristig als gefährdet oder vernichtet. [8] [9]
Ein erheblicher Teil der Landwirtschaft dient direkt oder indirekt der Tierhaltung. Extensiv genutztes Dauergrünland kann jedoch hohen Naturschutzwert besitzen. Das Problem ist nicht jedes Weidetier, sondern eine Produktionslogik, die Tiere, Böden und Landschaften maximalem Ertrag unterordnet.
Heide, Weide und die Verwechslung von Schutz und Pflege
Viele heutige Heideflächen entstanden durch Rodung, Plaggenhieb, Feuer und Beweidung. Sie sind keine ursprüngliche Wildnis, können aber wertvolle Lebensräume für spezialisierte Offenlandarten sein. Ob Beweidung Vielfalt fördert oder schädigt, hängt von Tierart, Besatzdichte, Zeitpunkt, Boden und Schutzziel ab.
Kulturlandpflege erhält einen historisch entstandenen Zustand. Prozessschutz schützt natürliche Veränderung. Was als Verbuschung abgewertet wird, ist häufig die erste Phase der Sukzession und damit der Beginn standortgerechter Wiederbewaldung. Das ist kein automatischer Schaden, sondern ein natürlicher Prozess. [6]
Beides kann berechtigt sein. Der Fehler beginnt dort, wo jede offene Kulturlandschaft zwingend offen gehalten und jede natürliche Entwicklung als Verlust betrachtet wird. Wir brauchen extensiv gepflegte Offenlandschaften, aber ebenso große Räume ohne von uns festgelegten Endzustand.
Der Wolf uns der Luchs sind keine Fremdkörper der Kulturlandschaft
Die Rückkehr des Wolfes und des Luchses verändert die Weidetierhaltung. Das ist weder zu leugnen noch zu romantisieren. Elektrifizierte Zäune, Herdenschutzhunde und angepasstes Herdenmanagement können Übergriffe deutlich begrenzen. Herdenschutz ist in Wolfsgebieten Teil verantwortlicher Tierhaltung und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. 2024 lagen die bundesweiten Präventionsausgaben rund dreißigmal höher als die reinen Ausgleichszahlungen. [10] [11]
Daraus folgt nicht, dass der Wolf ökologisch unpassend wäre. Große Beutegreifer beeinflussen Verhalten, Raumnutzung, Konkurrenz und Aasnahrung. Wie stark diese Effekte sind, hängt vom Lebensraum und menschlichen Einfluss ab. Unseriös ist sowohl die Behauptung, der Wolf löse jedes ökologische Problem, als auch die Aussage, er habe in der Kulturlandschaft keine Funktion. [12]
Europa zeigt, dass große Beutegreifer auch in geprägten Landschaften leben können. Entscheidend ist, ob wir unsere Erwartungen anpassen. Kulturlandschaft verursacht Kosten durch Pflege, Beweidung, Entwässerung, Deichunterhaltung und Herdenschutz. Der Wolf macht diese Kosten sichtbarer, er hat sie nicht erfunden.
Weidetierhaltung, Naturschutz, Forstwirtschaft und Jagd verfolgen nicht automatisch dieselben Ziele. Das ist legitim, solange Interessen nicht als alternativlose ökologische Notwendigkeit ausgegeben werden.
Was geschieht, wenn der Mensch nicht repariert
Im Anklamer Stadtbruch nahe Usedom wurde nach einem Deichbruch 1995 ein ehemaliges Moor und Nutzgebiet überflutet. Der Deich wurde nicht repariert. Auf rund 1.800 Hektar entwickelten sich Flachwasser, Röhrichte, Moorwald und offene Wasserflächen. Dort brüteten erstmals in Deutschland Stelzenläufer und Weißbart-Seeschwalbe. Zahlreiche weitere Vogelarten, Biber und Fischotter fanden neue Lebensräume. [13]
Kein detaillierter Zielzustand wurde gebaut. Natürliche Dynamik wurde wieder zugelassen. Natur durfte Ursache und nicht nur Objekt menschlicher Planung sein.
Auch die Karrendorfer Wiesen bei Greifswald zeigen, dass Rückdeichung ökologische und wirtschaftliche Vorteile verbinden kann. Überflutungsflächen nehmen Wellenenergie auf, schaffen Salzwiesen und können technische Schutzanlagen entlasten. Natur verursacht nicht nur Kosten, sondern erbringt Schutzleistungen. [13]
Naturschutzgebiet ist nicht gleich Natur
Rund 37 Prozent der deutschen Landfläche unterliegen irgendeinem Schutzstatus. Die Kategorien überschneiden sich und lassen teils erhebliche Nutzungen zu. Naturschutzgebiete bedecken etwa 6,5 Prozent, Nationalparke nur rund 0,6 Prozent. Auch dort können Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei oder Jagd erlaubt sein. Schutz auf der Karte ist deshalb noch kein ungestörter Naturprozess. [14]
Die EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 verlangt mindestens 30 Prozent geschützte Land- und Meeresfläche, davon jeweils zehn Prozent streng geschützt. Eine frühe technische Vorlage stellte klar, dass Bergbau, Fischerei, Jagd und Forstwirtschaft mit diesem Schutzniveau nicht vereinbar seien. [15] [16]
Diese Klarheit blieb nicht erhalten. Die spätere Leitlinie erlaubt aktives Management, Beweidung und sogar die Kontrolle von Huftierbeständen, wenn dies bestimmten Schutzzielen dienen soll. Das Zehn-Prozent-Ziel blieb bestehen, sein ursprünglicher Kern wurde jedoch aufgeweicht. [17]
Parallel rückte das Versprechen in den Vordergrund, bis 2030 drei Milliarden zusätzliche Bäume in der EU zu pflanzen. Politisch trat es vielfach an die Stelle der unbequemeren Forderung nach nutzungsfreien Räumen. Doch ein gepflanzter Baum ersetzt keinen alten Wald, eine Aufforstung keinen Prozessschutz und eine Baumzahl kein funktionierendes Ökosystem. [18]
Besonders geschützt muss mehr bedeuten als besonders sorgfältig bewirtschaftet. Es braucht Gebiete, in denen Forstwirtschaft, Jagd, Fischerei und Rohstoffabbau tatsächlich ruhen. Nur dort lassen sich natürliche Selbstorganisation und bewirtschaftete Flächen wissenschaftlich vergleichen.
Prozessschutz statt permanenter Reparatur
Wir planen und korrigieren nahezu jeden Zustand der Landschaft. Wir mähen, entwässern, bepflanzen, füttern, bejagen und räumen und nennen das anschließend Schutz. Manches ist nötig, um seltene Arten historischer Kulturlandschaften zu erhalten. Doch aus begründeten Ausnahmen wurde vielerorts ein allgemeiner Managementanspruch.
Prozessschutz verlangt ein repräsentatives Netz ausreichend großer, verbundener Räume, in denen natürliche Abläufe Vorrang haben. Dazu gehören Sturm, Hochwasser, Feuer, Fraß, Krankheit, Konkurrenz, Tod, Zersetzung und Wiederbesiedlung. Natur besteht nicht nur aus Zuständen, die wir schön finden, sondern ebenso aus Veränderung.
Solche Räume wären Lernorte. Sie könnten zeigen, wie Wälder ohne Holzentnahme altern, wie sich Wildtierbestände mit vollständiger Prädatorengemeinschaft entwickeln und wie Ökosysteme auf Klimaveränderungen reagieren. Ohne unbeeinflusste Vergleichsflächen bleibt die Behauptung, permanentes Management sei alternativlos, wissenschaftlich unvollständig.
Jagd kann in besonderen Situationen ein eng begrenztes Instrument sein. Sie darf nicht zur Dauerlösung werden, nur weil natürliche Regulation, Raumverhalten und Sukzession nicht zugelassen werden. Wer Ursachen nicht verändert, verwaltet Folgen. Nicht der Schuss darf das Ziel sein, sondern ein Ökosystem, das möglichst viele Funktionen selbst erfüllt.
Was jeder Einzelne beitragen kann
Heimische Pflanzen, weniger Beleuchtung, unversiegelte Flächen, Wasserstellen, alte Bäume, Totholz, Laub, wilde Ecken und der Verzicht auf Pestizide schaffen Lebensräume. Ein Vorgarten ersetzt kein Moor und ein Insektenhotel keine strukturreiche Landschaft. Viele kleine Flächen können jedoch Trittsteine bilden und unsere Vorstellung davon verändern, was gepflegt und was lebendig bedeutet.
Wir müssen aufhören, Natur ausschließlich als Dienstleisterin, Rohstofflager oder Kulisse zu betrachten. Kulturlandschaft stellt Naturleistungen nicht beliebig bereit. Sie verbraucht sie, sobald Nutzung dauerhaft stärker ist als Regeneration. Ohne Naturlandschaft gibt es langfristig keine stabile Kulturlandschaft.
Vom Beitrag zum Buch Kulturlandschaft
Diese Frage bildet einen zentralen Gedanken meines Buches „Kulturlandschaft“. Es geht nicht nur um Wolf oder Jagd, sondern um unsere Vorstellung von Natur, die Verwechslung von Schutz und Steuerung, vertraute Landschaftsbilder und echte Prozessschutzräume. Das Buch fragt, wie viel Natur wir tatsächlich zulassen und weshalb wir häufig das bewahren, was wir selbst geschaffen haben, während wir bekämpfen, was sich ohne uns entwickeln würde.
Weitere Informationen, Leseproben und Stimmen zum Buch finden Sie unter naturdigital.online/buch.
Nicht Perfektion verändert unsere Landschaft. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, der Natur wieder eigene Entscheidungen zuzugestehen.
Dieser Beitrag kratzt nur an der Oberfläche.
Warum wir Natur immer stärker nutzen, ordnen und kontrollieren und dabei genau das verlieren, was wir eigentlich schützen wollen, darum geht es ausführlich in meinem Buch „Kulturlandschaft – Die Logik hinter dem Artenverlust“.
Hier zu finden: https://naturdigital.online/buch/
Quellen und weiterführende Literatur
[1] Bundesamt für Naturschutz Begriffserläuterungen zur biologischen Vielfalt Drei Ebenen der Biodiversität
[2] Bundesamt für Naturschutz Biologische Vielfalt in Deutschland Grundlagen und Gefährdungsursachen
[3] Bundesamt für Naturschutz Indikator Artenvielfalt und Landschaftsqualität Datenstand bis 2023, veröffentlicht 2025
[4] Umweltbundesamt Flächennutzung in Deutschland Flächendaten 2024
[5] Vierte Bundeswaldinventur Lebensraum Wald Waldstruktur, Naturnähe, Alter und Totholz
[6] Bundesamt für Naturschutz Wildnisgebiete und natürliche Waldentwicklung Prozessschutz und natürliche Dynamik
[7] Umweltbundesamt Gefährdung der Biodiversität durch intensive Landwirtschaft Bedeutung des Grünlandes und Belastungsfaktoren
[8] Deutsche Wildtier Stiftung Grünlandbericht mit Andreas Krug vom BfN Angabe zum Verlust mesophilen Grünlandes
[9] Bundesamt für Naturschutz Nationale Langfristgefährdung der Biotoptypen Rote Liste der Biotoptypen
[10] Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf Herdenschutz Grundlagen wirksamer Prävention
[11] DBBW Bericht zu Prävention, Nutztierschäden und Ausgleichszahlungen 2024 Bundesweite Ausgaben und Schadensdaten
[12] Stier et al. Ecosystem context and historical contingency in apex predator effects Science Advances 2016
[13] Spektrum der Wissenschaft Rückdeichung und Anklamer Stadtbruch Beispiele Anklamer Stadtbruch und Karrendorfer Wiesen
[14] Bundesamt für Naturschutz Umsetzung der EU-Schutzgebietsziele 2030 in Deutschland Schutzkategorien und Flächenanteile
[15] Europäische Kommission EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 Ziel von 30 Prozent Schutz und 10 Prozent strengem Schutz
[16] European Landowners Organization Stellungnahme zur frühen technischen Vorlage Dokumentiert die frühe Ausschlussformulierung zu Jagd, Fischerei, Forstwirtschaft und Bergbau
[17] Europäische Kommission Kriterien und Leitlinien für Schutzgebiete Endgültige Leitlinie zum strengen Schutz
[18] Europäische Kommission Zusage von drei Milliarden zusätzlichen Bäumen Baumpflanzinitiative der EU
Guido Meyer | naturdigital.online

Lieber Guido,
ich möchte gar nicht viele Worte machen, denn jeder deiner Beiträge ist für mich, die ich ja selbst aus der Biologie komme, absolut on point, fesselnd und hinsichtlich seiner Tiefe und messerscharfen, intensiven Recherche unschlagbar und wertvoll.
Du hast diesen älteren Beitrag absolut toll aufgearbeitet und auch wenn man es natürlich kritisch sehen kann, sind deine kleinen Filme auf youtube echte Lehrfilme, die ich so im Unterricht zeigen würde – und hier kommt wohl das beste Kompliment von meinem 11jährigen Neffen, der die „cool“ findet und deinen Kanal gleich abboniert hat.
Ich freue mich auf weitere Zusammenarbeit und sage danke,
Herzlichst,
Michaela