OFFENER BRIEF – WARUM WIR IHN GESCHRIEBEN HABEN
Es gibt Entscheidungen, die zunächst wie reine Verwaltung wirken.
Ein Gesetz wird geändert.
Ein Tier wird ins Jagdrecht überführt.
Eine Quote wird diskutiert.
Ein Abschuss wird als „Management“ bezeichnet.
Doch hinter diesen Begriffen steht Leben. Und hinter diesem Leben steht ein biologisches System, das wir nur dann verstehen können, wenn wir aufhören, den Wolf als isoliertes Einzeltier, als störenden Bestand oder als jagdpolitisches Objekt zu betrachten.
Der offene Brief ist entstanden, weil sich der politische Umgang mit dem Wolf in eine Richtung verschiebt, die fachlich, rechtlich und biologisch hoch problematisch ist. Diese Entwicklung folgt nicht dem, was Natur braucht. Sie folgt auch nicht dem, was eine aufgeklärte Gesellschaft mehrheitlich erwartet: wirksamen Herdenschutz, belastbare Daten, Rechtsstaatlichkeit und Respekt vor ökologischen Zusammenhängen. Sie bedient vor allem jene Interessen, die den Wolf nicht als Bestandteil funktionierender Natur sehen, sondern als Störfaktor im jagdlich geordneten Revier.
Denn der Wolf ist kein beliebiges Wildtier. Er ist ein Apex-Prädator. Ein Spitzenprädator, der Wildtierverhalten verändert, Bewegungsmuster verschiebt, und genau jene künstliche Berechenbarkeit stört, auf der viele jagdliche Routinen beruhen. Wo der Wolf zurückkehrt, steht Wild nicht mehr zuverlässig dort, wo es erwartet, gefüttert oder für den nächsten Schuss eingeplant wurde. Auch, oder gerade deshalb wird seine Rückkehr so erbittert bekämpft.
Im Zentrum steht zudem die Annahme eines „günstigen Erhaltungszustands“. Genau diese Annahme bildet die Grundlage für weitreichende jagdrechtliche Eingriffe, obwohl sie fachlich weiterhin erklärungsbedürftig ist. Wenn aber schon die Ausgangsbewertung unsicher ist, stehen auch die darauf aufbauenden Abschussregelungen auf wackligem Boden.
DER WOLF IST KEIN BESTAND. ER IST EINE SOZIALE ART.
In der öffentlichen Debatte wird häufig von „dem Wolf“ gesprochen, als ginge es um eine austauschbare Masse, als könne man hier ein paar Tiere „entnehmen“ und dort ein paar andere nachrücken lassen. Biologisch ist das falsch!
Wölfe leben nicht als anonyme Menge in der Landschaft. Sie leben in Familienverbänden. Ein Rudel ist in der Regel kein zufällig zusammengewürfelter Trupp, sondern eine soziale Einheit aus Elterntieren, Jungtieren und Tieren aus vorherigen Würfen. Diese Struktur ist entscheidend.
Die erfahrenen Elterntiere führen. Sie kennen ihr Revier, Wildwechsel, Gefahren, Rückzugsräume und Grenzen. Sie geben Verhalten weiter, stabilisieren das Rudel und prägen, wie sich junge Wölfe in der Landschaft bewegen, jagen und Konflikte vermeiden. Schon Großschäfer Erb sagte deshalb: „Schießt mir nicht meine Wölfe weg.“
Wer in solche Strukturen eingreift, entfernt nicht einfach „ein Tier“, er verändert ein soziales Gefüge.
Und genau hier beginnt das biologische Risiko. Werden Rudel zerstört oder destabilisiert, können junge, unerfahrene Tiere Führung, Orientierung und Jagderfahrung verlieren. Aus stabilen Familienverbänden werden versprengte Einzeltiere oder instabile Restgruppen. Damit steigt nicht automatisch die Sicherheit. Unter Umständen steigt genau jenes Konfliktpotenzial, das man angeblich senken will, denn ein totes Elterntier ist keine Lösung, es kann der Anfang eines neuen Problems sein.
POPULATIONEN EXPLODIEREN NICHT GRENZENLOS
Ein weiteres Missverständnis ist die Behauptung, der Wolf vermehre sich „unkontrolliert“. Das klingt dramatisch, mit unserer Grimm’schen Prägung sogar beängstigend, biologisch ist es großer Unsinn. Wölfe sind territoriale Tiere.
Ein Rudel beansprucht geografisch großen Raum. Mehr als ein Rudel (2–12 Wölfe) ist in einem Territorium nicht möglich. Dieser Raum ist nicht beliebig vermehrbar. Dort, wo ein stabiles Rudel lebt, ist für ein zweites Rudel in der Regel kein Platz.
Die Anzahl der Wölfe innerhalb eines Territoriums bleibt also begrenzt, biologisch, nicht mit dem Gewehr! Sie schwankt meist innerhalb einer überschaubaren Familiengröße. Junge Wölfe wandern ab, noch vor der Geschlechtsreife und suchen ihr eigenes Revier. Selten schließen sie Lücken durch Anschluss in einem vorhandenen Rudel. Solche eine Rudelmitgliedsaufnahme hatte ich zufällig aufnehmen können. Im Video ist ein besendeter Wolf aus Dresden zu sehen, der hier bei Hannover Anschluss fand. Sehr selten sind diese Beweise. (Unten links Play anklicken)
Das Wachstum einer Wolfspopulation entsteht deshalb nicht dadurch, dass ein Rudel grenzenlos anwächst. Es entsteht durch Ausbreitung in noch freie geeignete Gebiete. Das ist kein Kontrollverlust, sondern einfache Biologie.
DER VIERFACHE SCHUTZ DES WOLFES
Genau deshalb ist der Schutz des Wolfes nicht zufällig entstanden, sondern mehrfach begründet.
Erstens: europäischer Artenschutz.
Der Wolf bleibt eine geschützte Art. Auch wenn politische Regelungen verändert werden, verschwindet damit nicht die Verpflichtung, Populationen langfristig in einem günstigen Erhaltungszustand zu sichern.
Zweitens: deutsches Naturschutzrecht.
Naturschutz endet nicht dort, wo eine Art unbequem wird. Der Schutz wildlebender Arten ist kein Stimmungsbarometer, sondern rechtlich verankerte Verantwortung.
Drittens: deutsches Tierschutzrecht.
Nach § 1 des Tierschutzgesetzes braucht die Tötung jedes einzelnen Tieres einen vernünftigen Grund. Nicht der abstrakte Bestand zählt allein, sondern jedes konkrete Tier. Ein pauschaler Abschuss ersetzt keine individuelle Begründung.
Viertens: biologischer Schutz durch Funktion.
Der Wolf schützt nicht nur sich selbst durch seine soziale Organisation, sondern erfüllt ökologische Aufgaben. Er beeinflusst Beutetiere, Bewegungsmuster, Verbissdruck, Aasverfügbarkeit und damit ganze Lebensräume.
Dieser vierfache Schutz macht deutlich:
Der Wolf ist nicht einfach „jagdbares Wild“. Er ist rechtlich geschützt, tierschutzrechtlich relevant, biologisch sozial organisiert und ökologisch wirksam.
Wer hier eingreift, greift nicht nur in einen Bestand ein, er greift in ein System ein.
WÖLFE SIND KEINE STÖRUNG, SONDERN FUNKTION
In einer gesunden Naturlandschaft, und die Chancen haben wir in 34 % unserer Naturflächen, sind Prädatoren keine Ausnahme, sie sind Bestandteil eines natürlichen Systems.
Wölfe töten nicht „zu viel“, sie töten, um zu leben, sie selektieren nach natürlichen Vorgaben einer natürlichen Evolution, nicht nach Trophäengier oder allgemein evolutionsstörend. Sie selektieren häufig junge, alte, kranke, schwache oder unaufmerksame Tiere, sie verändern das Verhalten von Beutetieren. Sie sorgen dafür, dass Rehe und Hirsche nicht dauerhaft drucklos dieselben Bereiche „verbeißen“. 
Genau diese Wirkung ist entscheidend, denn Natur besteht nicht nur aus Artenlisten, sondern aus Beziehungen:
Räuber und Beute.
Angst und Ausweichen.
Ruhe und Bewegung.
Geburt und Tod.
Aas und neues Leben.
Wo Prädatoren fehlen, muss der Mensch ständig regulieren. Wo Prädatoren zurückkehren, beginnt Natur wieder, eigene Prozesse zu entwickeln, und genau davor scheint unsere Kulturlandschaft Angst zu haben, insbesondere der schießende Anteil.
HERDENSCHUTZ IST BIOLOGISCH SINNVOLL. ABSCHUSS OFT NUR POLITISCH BEQUEM.
Natürlich gibt es Konflikte. Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter brauchen Unterstützung, Risse sind real, betroffene Menschen dürfen nicht allein gelassen werden.Aber eine reale Herausforderung wird nicht dadurch gelöst, dass man biologisch falsche Antworten gibt.
Herdenschutz setzt dort an, wo der Konflikt entsteht, an der Schnittstelle zwischen Wolf und Nutztier. Gute funktionierende Elektrozäune, Herdenschutzhunde, Nachtpferche, Beratung, Förderung und Kontrolle wirken vorbeugend. Sie verändern Verhalten, bevor Schaden entsteht.
Abschüsse dagegen setzen häufig erst nach dem Schaden an, sie beruhigen vielleicht die Debatte, aber nicht zwingend die Lage. Und wenn unspezifisch geschossen wird, ist nicht einmal sicher, dass das Tier getötet wird, das tatsächlich gelernt hat, Herdenschutz zu überwinden.
Dann stirbt ein Wolf , aber das Problem bleibt. Genau darauf weist der offene Brief hin: Die aktuellen Regelungen verschieben die Prioritäten weg von wirksamer Prävention hin zu Maßnahmen, deren Nutzen nicht ausreichend belegt ist.
DAS PROBLEM IST NICHT DER WOLF. DAS PROBLEM IST UNSERE VERKÜRZUNG.
Wir sprechen von „Bestandsmanagement“, meinen aber Tötung. Wir sprechen von „Entnahme“, meinen aber Abschuss. Wir sprechen von „Problemwölfen“, obwohl oft das eigentliche Problem fehlender oder mangelhafter Herdenschutz ist.
Sprache verschiebt Wahrnehmung, Medien, Homeofficejournalismus, begleiten oft das Interesse einer Lobby.
Aus einem Tier wird ein Fall, aus einer Familie wird eine Quote, aus einem Lebewesen wird eine Verwaltungseinheit.
Doch Biologie lässt sich nicht durch Begriffe entschärfen.
Ein Wolf bleibt ein fühlendes Tier. Ein Rudel bleibt ein soziales Gefüge. Ein Eingriff bleibt ein Eingriff. Und eine Tötung bleibt eine Tötung.
WARUM WIR DIESEN BRIEF GESCHRIEBEN HABEN
Wir haben diesen offenen Brief geschrieben, weil hier eine gefährliche Entwicklung beginnt und weil Chancen zur Korrektur des Artensterbens und des Biodiversitätsverlustes verpasst werden.
Nicht nur für den Wolf, sondern für das gesamte Verständnis von Natur. Wenn eine streng geschützte Art trotz unklarer fachlicher Grundlage zunehmend jagdlich behandelt wird, dann ist das ein Signal.
Es sagt:
Schutz gilt, solange er bequem ist.
Biologie zählt, solange sie politisch passt.
Und Natur darf zurückkehren, solange sie sich verwalten lässt.
Genau dagegen richtet sich dieser Brief.
Er fordert keine romantische Wolfswelt.
Er fordert Sachlichkeit.
Er fordert belastbare Daten.
Er fordert funktionierenden Herdenschutz.
Er fordert rechtsstaatliche Klarheit.
Er fordert Respekt vor biologischen Zusammenhängen.
Und er fordert, dass wir nicht wieder reflexhaft zum Gewehr greifen, sobald Natur beginnt, eigenständig zu handeln.
AM ENDE GEHT ES UM UNSER NATURVERSTÄNDNIS
Der Wolf zeigt uns nicht, dass Natur außer Kontrolle gerät, er zeigt uns, wie sehr wir uns an eine kontrollierte, verarmte Kulturlandschaft gewöhnt haben.
Eine Landschaft ohne große Räuber.
Ohne echte Prozesse.
Ohne natürliche Korrektive.
Ohne Vergleichsflächen, auf denen Natur wieder Natur sein darf.
Wenn wir jede Rückkehr von Wildnis sofort regulieren, töten und verwalten, werden wir nie erfahren, wie funktionierende Natur aussieht. Auch Wisent und Elch kehren dieser Tage zurück, bieten echte Chancen. Natur ist unsere Basis des Lebens, sie hält Wasser, Luft und Boden, ohne sind wir nicht lebensfähig und sie ist schwer getroffen, quittiert dieses mit extremen Artensterben, deutlichen klimatischen Veränderung.
Grün ist nicht automatisch Natur.
Ein Wald ist nicht automatisch ein Ökosystem.
Und eine Kulturlandschaft ist kein Beweis dafür, dass wir Natur verstanden haben
Der offene Brief ist deshalb mehr als ein Einspruch gegen aktuelle Wolfsregelungen.
Er ist ein Einspruch gegen eine Denkweise, die Natur erst zerstört, dann ihre Funktionen vermisst und anschließend jene Tiere bekämpft, die diese Funktionen wieder übernehmen könnten.
Wir sprechen nicht isoliert über Wölfe.
Wir sprechen über Rechtsstaatlichkeit.
Über Tierschutz.
Über ökologische Prozesse.
Über die Frage, ob wir Natur nur dulden, solange sie gehorcht.
Der Wolf braucht keinen Mythos, er braucht keine Idealisierung und garantiert keinen Platz am Kaminsims.
Er braucht nur das, was ihm rechtlich, biologisch und ethisch längst zusteht:
Schutz.
Raum.
Sachlichkeit.
Und einen Menschen, der endlich wieder lernt, Natur nicht nur zu verwalten, sondern zu verstehen.
Bitte unterstützt unseren offenen Brief.
Initiatoren:
Wolfsexpertin und Buchautorin Tanja Askani, Dipl. Sozialwissenschaftler Achim Heisler, Dipl. Biologe, Tierfilmproduzent und Regisseur Oliver Goetzl (GULO Film Productions), Buchautor und Naturfotograf Guido Meyer (naturdigital) und Biologielehrerin, Hundepsychologin und Naturfotografin Michaela Sauthoff-Kaiser



Zuerst werden fast ausgestorbene Tiere, zum Beispiel der Wolf angesiedelt, später haben dann diese Mordlüsten Jäger , nur eines im Sinn alles abzuschiessen!
Wozu siedelt man dann diese Tiere an?
Der Wolf muss unter strengeren Richtlinien unter Naturschutz gestellt werden!
In ein paar Jahren sind dann die Luxe und Wildkatzen dran, weil dann die auch wieder Schaden machen! Welch kranke Menschen!
Der Wolf hat das gleiche Recht hier zu leben wie wir! Er ist ein herrliches Tier und der Vorfahre aller unserer Hunde. Es ist ein Verbrechen ihn abzuknallen. Was fällt euch ein und was stimmt mit euch nicht???
Danke für die gute Info. Alles ist sauber recherchiert und zusammengefasst. Ein großes Problem ist, dass (auch ansonsten ganz vernünftige) Abgeordnete wenig über die Zusammenhänge in der Natur wissen. Sie haben Jura, Wirtschaft, Völkerrecht, Germanistik, Politologie usw. studiert, jetzt brauchen sie „Berater“. Aber sie haben wenig Ahnung, wen sie dafür nehmen sollen. Da greifen sie zu den Jägern, zum Bauernverband, zu Schafhaltern usw., die helfen gerne beim Gesetzentwurf…
Wölfe werden erst im Rahmender FFH-Richtlinie gewollt und nun sollen Sie wieder getötet werden! Wie Krank sind wir! Der Wolf ist Teil unseres Ökosystems…wann Begreift Ihr das endlich!!
LASS den WOLF leben, ER hat das Recht so wie DU und ICH!
Der Wolf gehört geschützt,er ist Teil der Natur,diese Hetze ist ja Wahnsinn, kapieren es diese .Menschen nicht?ihr zerstört doch das Revier der Tiere 💖
Wölfe gehören in die Wälder! Sie haben eine wichtige Aufgabe und insofern gehört die Jagd endlich verboten! Sie hat noch nie irgendein Problem gelöst. Es wird Zeit, dass die Natur endlich geschützt wird!
WÖLFE GEHÖREN GESCHÜTZT! SIE WAREN FAST AUSGEROTTET!!! NICHT NOCHMAL! SIE HABEN EIN RECHT AUF LEBEN!!!
❤️Danke, phantastisch ❤️🐺❤️🕊️
Vielen ❤️ Dank,
hoffentlich erreicht dieser wichtige Brief sehr viele Menschen die mitunerzeichnen und wir erreichen gemeinsam diesen geplanten Horror abzuwenden (keine 2. Schweiz und Schweden)
Die Menschen müssen verstehen um was es hier nun tatsächlich geht, es geht nicht allein um den Schutz der Wölfe, sondern um den Schutz , Erhalt und Heilung des Großen Ganzen und somit nicht zuletzt auch um die eigene Existenz und Lebensgrundlagen der Menschen, die endlich lernen müssen, als Teil des Ganzen zu leben
Herzliche und hoffnungsvolle Grüße
Iris
Danke für diesen sehr informativen und sachlichen Brief! So etwas brauchen wir!
Für mein Verständnis eine fundierte Aussage!
Danke
Super !!!!
👏👏👏
Ein inhaltlich so starker Kommentar zu Eurem offenen Brief!!
Vielen Dank Guido
Dieser Beitrag bringt das gesamte Wolfs-Thema klar auf den Punkt. Und zwar auf eine sehr sachliche Art. Es wird Zeit, dass wir weg von emotional aufgeheizten Debatten kommen und die größeren Zusammenhänge im Blick haben. Auch wenn es vermeintlich „nur“ um eine Spezies geht. Danke dafür!
Es geht jedoch nich „nur“ um „eine“ Spezies, denn die Befürchtungen vor der Herabstufung der Wölfe von streng geschützt auf geschütz, dass es bald alle anderen Arten betreffen wird haben sich schnell bewahrheitet, es ist ein Angriff auf den gesamten Artenschutz ! Und hier darf sich auch die Spezies Mensch nicht länger ausklammern und in Sicherheit wiegen, denn es betrifft nicht zuletzt bis hin auch unsere Art und Existenz auf diesem wundervollen Mutterplaneten, der nur gesund bleiben kann mit Artenvielfalt und bestehenden Lebensräumen!