Klimakrise und Artenverlust, time is up

 

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Klimakrise und Artenverlust, „time is up“

Eine Co-Produktion mit Martin Grossniklaus, einem Freund aus der Schweiz.

 

Die Normalität, an die wir uns nicht gewöhnen dürfen

Wir alle kennen diese Gespräche. Ein Sommer sei früher auch schon heiß gewesen. Einen kalten Winter habe es ebenfalls gegeben. Hochwasser, Dürre und Stürme seien nichts Neues. Daraus folgt dann gern der scheinbar beruhigende Satz, es sei doch alles schon immer so gewesen.

Natürlich gab es schon immer Wetterextreme. Aber Wetter ist ein einzelnes Ereignis. Klima ist die Entwicklung über Jahrzehnte. Ein kalter Winter widerlegt die globale Erwärmung ebenso wenig, wie ein Regentag eine mehrjährige Dürre beendet. Persönliche Erinnerungen sind keine Messreihen. Und ein Thermometer besitzt weder eine politische Meinung noch ein Parteibuch.

Die Messdaten sind inzwischen eindeutig. Das Jahr 2024 war weltweit das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Das Jahr 2025 folgte je nach Datensatz auf Platz zwei oder drei und lag ungefähr 1,43 bis 1,47 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die elf Jahre von 2015 bis 2025 waren zugleich die elf wärmsten Jahre der gesamten Messreihe. Auch Deutschland folgt diesem Trend. 2024 war mit einer Jahresmitteltemperatur von 10,9 Grad das wärmste Jahr seit Beginn der deutschen Aufzeichnungen im Jahr 1881. Auch 2025 gehörte wieder zu den zehn wärmsten Jahren.

Das ist kein Gefühl und keine politische Erzählung. Es sind physikalische Messwerte.

 

Die 1,5 Grad sind keine magische Klippe

Auch beim 1,5-Grad-Ziel ist Genauigkeit wichtig. 2024 war das erste Kalenderjahr, das im globalen Mittel deutlich mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau lag. Nach den Daten von Copernicus lag sogar der Durchschnitt der drei Jahre 2023 bis 2025 erstmals oberhalb dieser Marke.

Trotzdem bedeutet ein einzelnes Jahr oder ein Dreijahreszeitraum noch nicht, dass das Pariser Klimaziel formell und endgültig überschritten ist. Dieses bezieht sich auf einen längerfristigen Klimamittelwert. Die wissenschaftlich korrekte Aussage ist deshalb nicht, das Ziel sei bereits unwiderruflich verloren. Die weit beunruhigendere Aussage lautet, dass der verbleibende Sicherheitsabstand inzwischen nahezu aufgebraucht ist und eine dauerhafte Überschreitung in diesem Jahrzehnt immer wahrscheinlicher wird.

Diese Unterscheidung ist kein Kleinreden. Im Gegenteil. Sie zeigt, wie knapp die Zeit tatsächlich geworden ist.

Gleichzeitig steigen die Emissionen weiter. Für 2025 wurden weltweit 38,1 Milliarden Tonnen Kohlendioxid allein aus fossilen Energieträgern und der Zementproduktion erwartet, ein neuer Rekord. Die globale CO₂-Konzentration lag 2024 bereits bei durchschnittlich 422,8 ppm. Vor Beginn der Industrialisierung waren es etwa 280 ppm.

Wir diskutieren also nicht über eine zukünftige Möglichkeit. Wir verändern die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre längst messbar.

 

Extremwetter ist nicht einfach nur schlechtes Wetter

Mit jedem Grad Erwärmung kann die Atmosphäre physikalisch ungefähr sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen. Dadurch regnet es nicht überall häufiger. Wo jedoch die meteorologischen Voraussetzungen für Starkregen zusammentreffen, können Niederschläge intensiver ausfallen. Gleichzeitig erhöhen Wärme und stärkere Verdunstung in anderen Regionen das Risiko längerer Trockenperioden. Beides kann sogar zeitlich aufeinanderfolgen. Erst trocknet der Boden über Wochen aus, dann fällt ein großer Teil des Jahresniederschlags innerhalb weniger Stunden.

Auch Veränderungen des Jetstreams und blockierende Wetterlagen können dazu beitragen, dass Hoch- oder Tiefdruckgebiete länger über einer Region verharren. Wissenschaftlich wäre es jedoch zu einfach, jedes Extremereignis allein mit einem angeblich nachgewiesenen „Trudeln“ des Jetstreams zu erklären. Wie genau sich verschiedene Jetstream-Eigenschaften unter fortschreitender Erwärmung verändern, wird weiterhin erforscht. Sicher ist dagegen, dass eine wärmere Atmosphäre Hitzewellen verstärkt und bei geeigneten Wetterlagen heftigere Niederschläge ermöglicht.

Das Tief Boris brachte zwischen dem 13. und 16. September 2024 rekordverdächtige Niederschläge und schwere Überschwemmungen nach Österreich, Tschechien, Polen, Rumänien und in weitere Länder Mittel- und Osteuropas. Entlang von rund 8.500 Kilometern europäischer Flüsse lagen die Abflüsse mindestens doppelt so hoch wie das durchschnittliche jährliche Maximum. 27 Menschen verloren ihr Leben.

Noch drastischer war die Flutkatastrophe in der spanischen Region Valencia am 29. Oktober 2024. In Turís wurden innerhalb von 24 Stunden 771,8 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen. Innerhalb einer Stunde fielen dort rund 185 Liter. Mindestens 232 Menschen starben, die wirtschaftlichen Schäden wurden auf etwa 16,5 Milliarden Euro geschätzt.

 

Wenn Landschaften ihre Widerstandskraft verlieren

Die physikalische Tatsache, dass eine wärmere Atmosphäre mehr Wasser speichert, trifft auf eine Landwirtschaft, die ihre Widerstandskraft verloren hat. In einer industriell geprägten Agrarlandschaft sind Böden durch schwere Maschinen oft so verdichtet, dass sie bei Starkregenereignissen wie in Valencia oder Mitteleuropa kein Wasser mehr aufnehmen können. Statt als „Schwamm“ zu wirken und die Fluten zu bremsen, leiten diese degradierten Flächen das Wasser ungebremst ab und verschärfen die Hochwassergefahr für Siedlungen.

Europa erlebte 2024 die großflächigsten Überschwemmungen seit 2013. Stürme und Hochwasser betrafen schätzungsweise 413.000 Menschen, kosteten mindestens 335 Menschen das Leben und verursachten Schäden von wenigstens 18 Milliarden Euro. Seit 1980 summieren sich die wirtschaftlichen Verluste durch Wetter- und Klimaextreme in der Europäischen Union auf rund 822 Milliarden Euro. Ein Viertel davon entstand allein in den Jahren 2021 bis 2024.

„Jahrhundertereignis“ klingt beruhigend, solange man daran glaubt, dass danach für hundert Jahre Ruhe herrscht. Doch nicht das Ereignis hält sich an unsere Statistik. Wir verändern gerade die statistischen Grundlagen selbst.

 

Die verschobene Erinnerung

Genau hier beginnt das Shifting-Baseline-Syndrom. Es beschreibt die schleichende Verschiebung dessen, was wir für normal halten. Jede Generation nimmt den Zustand ihrer eigenen Jugend als Ausgangspunkt. Was frühere Generationen bereits verloren haben, fehlt in diesem persönlichen Vergleich.

Ein Wald mit lichten Kronen erscheint irgendwann normal, wenn kaum jemand noch einen geschlossenen, alten und strukturreichen Wald erlebt hat. Eine nahezu insektenleere Windschutzscheibe fällt Menschen nicht auf, die es nie anders kennengelernt haben. Selbst ein Bach ohne Fische kann in unserer Vorstellung als gesund gelten, wenn die Erinnerung an seine frühere Vielfalt verschwunden ist.

Das Shifting-Baseline-Syndrom macht auch vor unseren Tellern und Feldern nicht halt. Während wir den Verlust strukturreicher Wälder beklagen, haben wir uns längst an industrielle Agrarsteppen gewöhnt. Eine Landschaft, die nur noch aus monokulturellen Mais- oder Getreidefeldern besteht, nehmen wir als „normal“ wahr, obwohl sie ökologisch weitgehend funktionslos ist. Wir haben vergessen, dass eine resiliente Landwirtschaft auf Hecken, Feldrainen und lebendigen Böden basiert, die weit mehr sind als nur ein Substrat für Kunstdünger.

Das Gefährliche daran ist nicht, dass wir Umweltveränderungen überhaupt nicht wahrnehmen. Wir verlieren vielmehr den Maßstab, an dem wir sie messen müssten. Aus einer Katastrophe wird Anpassung. Verlust erhält den Namen Landschaftspflege. Eine ökologische Verarmung, die frühere Generationen noch erschreckt hätte, gilt heute als unvermeidliche Begleiterscheinung unserer „Kulturlandschaft“.

So wird nicht die Natur stabiler. Es wächst lediglich unsere Bereitschaft, ihren Verlust als Normalität hinzunehmen.

 

Der Wald ist keine grüne Kulisse

Der Zustand der deutschen Wälder zeigt diese Verschiebung besonders deutlich. Nach der Waldzustandserhebung 2025 wiesen 35 Prozent der untersuchten Bäume eine deutliche Kronenverlichtung auf. Weitere 44 Prozent befanden sich in der sogenannten Warnstufe. Nur etwa jeder fünfte Baum zeigte keine Kronenverlichtung. Bei der Buche und der Fichte gab es leichte Verbesserungen, während sich der Zustand der Eichen weiter verschlechterte.

Die häufig verwendete Aussage, vier von fünf Bäumen seien „krank“, trifft zwar die Größenordnung, ist fachlich aber zu pauschal. Kronenverlichtung ist ein wichtiger Vitalitätsindikator, jedoch keine vollständige medizinische Diagnose eines Baumes. Präziser und zugleich kaum weniger alarmierend ist die Feststellung, dass nur etwa jeder fünfte untersuchte Baum keine sichtbare Kronenverlichtung zeigte.

Deutschland besteht zu rund 29,9 Prozent aus Waldfläche. Nach der Bundeswaldinventur umfassen unsere Wälder etwa 11,5 Millionen Hektar. 48 Prozent davon befinden sich in privatem Eigentum, 29 Prozent gehören den Ländern, 20 Prozent Körperschaften und drei Prozent dem Bund.

Nicht jeder Wirtschaftswald ist eine tote Plantage und nicht jeder private Eigentümer betreibt rücksichtslosen Raubbau. Entscheidend ist jedoch, welcher Maßstab Vorrang erhält. Wird Wald überwiegend nach Holzertrag, jagdlichen Zielbeständen und kurzfristiger Verwertbarkeit beurteilt, werden biologische Prozesse schnell zu wirtschaftlichen Störungen erklärt.

Dann wird ein alter Baum zum Risiko, Totholz zum Abfall, ein Feuchtgebiet zum unproduktiven Standort, der Rothirsch zum „Schädling“ und der Wolf zum Konkurrenten.

Dabei ist Wald Lebensinfrastruktur. Er hält Wasser in der Landschaft, kühlt seine Umgebung, schützt Böden, bindet Kohlenstoff, reinigt Luft, schafft Niederschlagskreisläufe und trägt eine kaum überschaubare Lebensgemeinschaft. Diese Leistungen sind technisch nicht gleichwertig ersetzbar. Es gibt keinen zweiten Wald und keine zweite Natur, auf die wir im Ernstfall ausweichen könnten.

Ähnlich wie der Wald wird auch das Ackerland oft nur als kurzfristiges Rohstofflager begriffen. Besonders deutlich wird dies beim enormen Flächenverbrauch für die Fleischindustrie. Weite Teile unserer Kulturlandschaft werden heute nicht direkt für die menschliche Ernährung, sondern für den Anbau von Futtermitteln „geopfert“. Diese intensive Nutzung entzieht der Natur den Raum, den sie bräuchte, um als Lebensinfrastruktur zu fungieren, etwa zur Grundwasserneubildung oder als Kohlenstoffspeicher.

 

Artensterben braucht keine erfundene Stoppuhr

Auch beim Artenverlust sollten wir auf vermeintlich eindrucksvolle, aber wissenschaftlich kaum überprüfbare Zahlen verzichten. Die oft wiederholte Aussage, weltweit würden täglich genau 150 Arten aussterben, lässt sich nicht seriös belegen. Die meisten Arten der Erde sind noch nicht einmal wissenschaftlich beschrieben. Niemand kann deshalb taggenau erfassen, welche unbekannte Art wann verschwindet.

Die belastbaren Aussagen sind bereits dramatisch genug. Nach der globalen Bewertung des Weltbiodiversitätsrates IPBES sind ungefähr eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Die heutige Aussterberate liegt mindestens um das Zehn- bis Hundertfache über dem langfristigen natürlichen Durchschnitt und steigt weiter.

Die Krise beginnt zudem lange vor dem letzten Individuum. Arten verlieren zunächst Bestände, Lebensräume, genetische Vielfalt und ihre ökologischen Beziehungen. Ein Schmetterling muss nicht weltweit ausgestorben sein, um aus einer Region vollständig verschwunden zu sein. Ein Wald kann weiterhin grün aussehen und dennoch einen Großteil seiner biologischen Funktionen verloren haben. Grün ist nicht automatisch Natur.

 

Kulturlandschaft setzt Naturgesetze nicht außer Kraft

Die Kulturlandschaft ist keine zweite Form der Natur mit eigenen biologischen Regeln. Sie ist eine durch menschliche Interessen, Nutzung und Gestaltung veränderte Landschaft. Photosynthese, Konkurrenz, Fortpflanzung, Prädation, Krankheit, Evolution und Stoffkreisläufe gelten dort trotzdem.

Auch der sogenannte Verbiss ist zunächst ein natürlicher Vorgang. Zum „Schaden“ wird er erst in Bezug auf ein menschliches Ziel, etwa wenn eine bestimmte Zahl wirtschaftlich gewünschter Jungbäume aufwachsen soll. Damit ist nicht gesagt, dass Pflanzenfresser niemals zu starken lokalen Veränderungen führen können. Gerade in zerschnittenen Landschaften, in denen Wanderwege blockiert, Rückzugsräume verkleinert und natürliche Beutegreifer fehlen oder verfolgt werden, können Tiere auf begrenzten Flächen konzentriert werden.

Doch dann muss über die Ursachen gesprochen werden. Über Straßen, Zäune, fehlende Wildtierbrücken, Fütterungen, jagdlichen Dauerdruck, verkürzte Wanderbewegungen und Wälder, in denen jeder junge Baum bereits als zukünftiger Holzertrag verplant ist.

Wer diese Bedingungen bestehen lässt und anschließend allein das Tier zum Problem erklärt, verwechselt Ursache und Folge.

Große Pflanzenfresser wie Rothirsch, Wisent und Elch sind nicht nur Konsumenten von Vegetation. Sie schaffen durch Tritt, Fraß, Dung, Samenverbreitung und Bewegung neue Strukturen. Sie öffnen Flächen, verbinden Lebensräume und verändern die Vegetation. Ihre Wirkung hängt jedoch von Raum, Dichte, Bewegungsmöglichkeiten und dem übrigen Nahrungsnetz ab.

Auch Wolf und Luchs sind keine Wunderwaffen und keine Ersatzjäger. Sie sind Bestandteile vollständigerer Ökosysteme. Sie beeinflussen Beutetierbestände, deren Raumnutzung, Verhalten und Verteilung. Wie stark diese Wirkungen ausfallen, hängt immer vom jeweiligen Lebensraum ab.

Der entscheidende Gedanke lautet deshalb nicht, den menschlichen Jäger einfach durch den Wolf als neuen „Manager“ zu ersetzen. Das wäre erneut dieselbe Kontrolllogik. Es geht darum, Lebensräume so vollständig zu machen, dass ökologische Beziehungen wieder wirken können, ohne dass der Mensch jeden Bestand, jeden Baum und jede Schwankung nach eigenen Zielzahlen korrigiert.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen Bestandsverwaltung und Prozessschutz, den ich in meinem Buch Kulturlandschaft, die Logik hinter dem Artenverlust ausführlich beschreibe.

 

Zehn Prozent sind keine Radikalforderung

Die EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 sieht vor, mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen rechtlich zu schützen. Ein Drittel dieser Schutzflächen, also zehn Prozent der gesamten Land- und Meeresfläche, soll streng geschützt werden. Strenger Schutz soll Räume sichern, in denen natürliche Prozesse im Wesentlichen ungestört ablaufen können.

Zehn Prozent sind damit kein romantischer Rückzug aus der Moderne. Sie sind eine ökologische Mindestversicherung.

Für Deutschland müsste das bedeuten, in zusammenhängenden Kernräumen auf routinemäßige Jagd, Holzentnahme, Rohstoffabbau und permanente Zielzustandsverwaltung zu verzichten. Nicht jeder Quadratmeter des Landes kann sich selbst überlassen bleiben. Aber ein Teil muss es endlich dürfen.

Solche Prozessschutzräume dürfen keine isolierten Inseln sein. Sie brauchen Wildtierbrücken, Gewässerkorridore, Hecken, störungsarme Trittsteine und Verbindungen zu anderen Lebensräumen. Was getrennt wird, verliert Austausch, genetische Vielfalt und die Fähigkeit zur Wiederbesiedlung.

Wildtierbrücken sind deshalb keine luxuriösen Bauwerke für einige Tiere. Sie sind Reparaturen an einer von uns zerschnittenen Landschaft.

Wenn wir über die EU-Biodiversitätsstrategie und den Schutz von zehn Prozent der Fläche sprechen, darf die Landwirtschaft nicht ausgeklammert werden. Prozessschutz bedeutet hier auch, der Natur auf dem Feld wieder Raum zu geben, durch die Vernetzung von Biotopen und den Verzicht auf maximale Kontrolle. Eine klimaresistente Landwirtschaft muss aufhören, biologische Prozesse als wirtschaftliche Störung zu bekämpfen. Nur wenn wir die Landnutzung transformieren und den Flächenhunger für die tierische Produktion reduzieren, können wir die Landschaften so vervollständigen, dass ökologische Beziehungen wieder wirken können.

 

Auch Städte sind Teil der Lösung

Auch außerhalb großer Naturräume können wir handeln. 14,6 Prozent der deutschen Landesfläche werden für Siedlung und Verkehr genutzt. Diese Fläche ist allerdings nicht vollständig versiegelt. Etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche sind bebaut, betoniert, asphaltiert oder anderweitig befestigt. Der Unterschied ist wichtig, denn Parks, Gärten und andere Grünflächen gehören statistisch ebenfalls zur Siedlungsfläche.

Bäume, entsiegelte Böden, begrünte Dächer, offene Wasserflächen und miteinander verbundene Grünräume können Städte deutlich kühlen und Regen zurückhalten. Eine Untersuchung von mehr als 600 europäischen Städten kam zu dem Ergebnis, dass Stadtbäume die Lufttemperatur im Durchschnitt um etwa 0,8 Grad senken. Die Oberflächentemperaturen unter Bäumen können in mitteleuropäischen Städten im Sommer sogar acht bis zwölf Grad niedriger liegen als auf durchgehend bebauten Flächen. Dabei muss klar unterschieden werden zwischen Luft- und Oberflächentemperatur.

Hitze ist längst keine bloße Unannehmlichkeit mehr. Das Robert Koch-Institut schätzt allein bis Ende Juni 2026 rund 5.120 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland. Gleichzeitig nehmen Dürren, Wasserknappheit, Ernteausfälle, Überschwemmungen und der steigende Meeresspiegel weltweit immer mehr Menschen ihre Lebensgrundlage. Die Weltbank hält bis 2050 bis zu 216 Millionen Menschen für möglich, die innerhalb ihrer Heimatländer klimabedingt ihren Wohnort verlassen müssen. Wer den Temperaturanstieg weiter hinnimmt, darf deshalb nicht glauben, die Folgen später mit einem beiläufigen „Wir schaffen das“ auffangen zu können. Klimaschutz ist längst auch Gesundheitsschutz, Friedenspolitik und die Vermeidung künftiger Flucht.

Klimaschutz findet deshalb nicht nur auf internationalen Konferenzen statt. Er beginnt am gefällten Straßenbaum, am versiegelten Vorgarten, am entwässerten Moor, an der fehlenden Hecke und an jedem Wald, der nur noch als Rohstofflager betrachtet wird.

 

Die Zeit der Ausreden ist vorbei

„Time is up“ bedeutet nicht, dass jede Hoffnung verloren wäre oder Handeln keinen Sinn mehr hätte. Auch das wäre nur eine weitere bequeme Ausrede.

Noch ist nicht alles entschieden. Wälder lassen sich bewahren, Böden wiedervernässen, Flüsse renaturieren und zerschnittene Lebensräume erneut verbinden. Arten können geschützt und Landschaften widerstandsfähiger gemacht werden. Jedes vermiedene Zehntelgrad, jeder erhaltene alte Baum, jeder ökologische Korridor und jeder echte Prozessschutzraum begrenzt die Schäden, die kommende Generationen tragen müssen. Doch die Zeit der Selbsttäuschung ist vorbei.

Ein kalter Winter widerlegt keine Erderwärmung. Eine Flut ist nicht zwangsläufig ein einmaliges Unglück, und ein kranker Wald darf nicht zum gewohnten Anblick werden. Artenverlust lässt sich nicht verwalten, während ihre Lebensräume weiter zerstört, genutzt und zerschnitten werden. Auch Wolf, Rothirsch, Borkenkäfer oder Hochwasser sind nicht die eigentlichen Ursachen, sondern häufig sichtbare Folgen eines Systems, das Natur fast nur noch duldet, wenn sie kontrollierbar bleibt.

Wir müssen endlich erkennen, dass eine vollständig genutzte, zerschnittene und fortwährend gesteuerte Landschaft ihre Widerstandskraft verliert.

Die Natur benötigt den Menschen nicht als permanenten Manager. Der Mensch dagegen benötigt eine Natur, die noch aus eigener Kraft funktionieren kann.

 

Time is up. Nicht für die Hoffnung. Aber für die Ausreden.

 

Quellen:

1. Jetstream-Veränderungen Terra-X: Anlage

2. Temperaturaufzeichnung: Anlage

3. Dr. Mark Bennecke  „Time is up“ (1,5-Grad-Ziel) : Anlage

4. Waldschadensbericht: Anlage 

5. Statistik CO₂‑Ausstoß: Anlage

6. Massensterben:  Anlage und Anlage

7. Stadtgrün: Anlage

8. Holz nicht klimaneutral (BumV): Anlage

9. Googlesuche: Anlage

10. Wald verändert Klima: Anlage

11. Der Wolf als Manager: Anlage

12. EU-Sonderbericht 13/2020: Biodiversität landwirtschaftlicher Nutzflächen: Anlage

13. Der Jetstream schlägt Wellen Anlage

 

 

 

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Michaela Sauthoff-Kaiser
Michaela Sauthoff-Kaiser
20 Tage vor

Ihr Zwei,

als Lehrerin mit dem Schwerpunkt der Biologie bin ich beeindruckt von der Visualisierung, eurer intensiven Recherche und vor allem von der dringenden zeitgemäßen Botschaft, die euch beiden und mir gleichermaßen am Herzen liegt.

Ob in Deutschland oder in der Schweiz, es ist keine Zeit mehr für Verdrängung, Beschwichtigung oder Gewöhnung an Verlust, wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel Natur noch erleben dürfen und in eine Zukunft hineinwachsen, die lebenswert ist.

Tausend Dank dafür!

Herzlichst,
eure Michaela.

Martin Grossniklaus
21 Tage vor

Danke dir, lieber Guido, für deinen starken Einsatz bei diesem Beitrag!
Du hast ihn ursprünglich aufgebaut und jetzt aus aktuellem Anlass nochmals entscheidend weiterentwickelt.
Ich habe mich gefreut, einige Aspekte ergänzen zu können. Umso wichtiger ist es, dass wir die Inhalte jetzt gemeinsam nach draussen tragen und möglichst viele Menschen erreichen.
Viele Grüsse aus der Schweiz 🇨🇭 Martin

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