Essen verändert Landschaften

Essen verändert Landschaften

 

Wenn sich die Ernährungsweise einer Gesellschaft verändert, verändert sich auch ihre Landschaft

Wer durch Deutschland fährt, sieht landwirtschaftliche Flächen. Getreide, Raps, Grünland und gerade in manchen Regionen Norddeutschlands erstaunlich viel Mais prägen die Landschaft. Was dabei kaum sichtbar wird, ist eine grundlegende Tatsache. Ein erheblicher Teil dieser Landschaft dient nicht unmittelbar unserer Ernährung, sondern zunächst der Ernährung von Nutztieren.

Deutschland verfügt über rund 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche. Das entspricht rund 48 Prozent der gesamten Bundesfläche. Nach Angaben des Umweltbundesamtes werden auf knapp 60 Prozent dieser Flächen Futtermittel für die Tierhaltung erzeugt. Das entspricht einer Größenordnung von fast zehn Millionen Hektar und damit annähernd der gesamten Fläche von Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Allein knapp 40 Prozent des deutschen Ackerlandes dienen der Futtermittelproduktion. Hinzu kommt, dass knapp 60 Prozent des in Deutschland verfügbaren Getreides verfüttert werden. Wir sprechen deshalb über Millionen Hektar unserer Kulturlandschaft, deren Nutzung unmittelbar mit der Haltung und Ernährung von Nutztieren verbunden ist.

Damit wird sichtbar, wie unmittelbar unsere Ernährung Landschaft formt. Was wir essen, entscheidet nicht nur darüber, was im Supermarktregal liegt. Es entscheidet mit darüber, was auf Millionen Hektar wächst, wie intensiv Böden genutzt werden, wie viel Dünger ausgebracht wird und wie viel Raum einer Landschaft noch für andere Funktionen bleibt. Ernährung ist deshalb weit mehr als eine private Konsumentscheidung. Sie ist eine der großen Stellschrauben unserer Kulturlandschaft.

 

Der Umweg über das „Nutztier“

Fleisch, Milch und Eier entstehen nicht einfach im Stall. Hinter ihnen stehen Weiden und Wiesen, aber ebenso riesige Ackerflächen für Mais, Getreide, Soja und andere Futtermittel. Dabei ist dieser Weg energetisch grundsätzlich verlustreich. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass 75 Prozent und mehr der an Tiere verfütterten Nährstoffe von den Tieren selbst verbraucht oder wieder ausgeschieden werden. Nur ungefähr ein Viertel wird tatsächlich in Milch, Eier oder Fleisch umgewandelt.

Das ist keine moralische Bewertung des Tieres, sondern Biologie. Ein Tier lebt, bewegt sich, erhält seine Körpertemperatur, baut Gewebe auf und verbraucht Energie. Genau deshalb kann die Umwandlung pflanzlicher Nahrung in tierische Lebensmittel niemals verlustfrei funktionieren. Wer Getreide unmittelbar isst, überspringt diesen biologischen Zwischenschritt.

Global wird diese Dimension noch deutlicher. Joseph Poore und Thomas Nemecek werteten für ihre 2018 veröffentlichte Untersuchung Daten von rund 38.700 Betrieben in 119 Ländern aus. Fleisch, Aquakultur, Eier und Milchprodukte beanspruchen danach rund 83 Prozent der weltweit für Ernährung genutzten Landwirtschaftsfläche, liefern jedoch nur etwa 18 Prozent der Kalorien und 37 Prozent des Proteins.

Diese 83 Prozent bestehen keineswegs nur aus Ackerflächen. Ein erheblicher Anteil entfällt auf Weideflächen und anderes Grünland. Doch auch Grünland ist nicht automatisch Natur und ebenso wenig zwangsläufig eine extensiv beweidete Wiese. Gerade in Regionen intensiver Tierhaltung, wie ich es bereits im früheren Beitrag am Beispiel Ostfrieslands beschrieben habe, wird Grünland häufig stark gedüngt und mehrfach im Jahr gemäht, um große Mengen Gras und Silage als Tierfutter zu erzeugen. Auch solche Flächen sind damit Teil einer hochproduktiven Tierhaltung.

Eine Fläche, auf der kein Weizen oder Mais angebaut werden kann, muss deshalb nicht automatisch intensiv der Tierproduktion dienen. Grünland kann extensiv beweidet oder nur zurückhaltend genutzt werden, Feuchtgrünland kann wiedervernässt werden, andere Flächen können verbuschen, sich bewalden oder vollständig natürlichen Prozessen überlassen werden. Die Alternative zur intensiven Tierhaltung ist deshalb nicht zwangsläufig ein anderer Produktionszweig. Die Alternative kann auch weniger Nutzung sein. Und manchmal schlicht Natur.

 

Braucht eine pflanzliche Ernährung mehr Fläche?

Eine häufig gehörte Gegenbehauptung lautet, eine weitgehend oder vollständig pflanzliche Ernährung benötige sogar mehr Landwirtschaftsfläche. Schließlich müssten Menschen, die Fleisch, Milch und Eier nicht mehr essen, zusätzlich mit Bohnen, Erbsen, Getreide, Gemüse und anderen Pflanzen versorgt werden. Der erste Teil dieser Überlegung stimmt durchaus, denn für die unmittelbare menschliche Ernährung müssten entsprechend mehr pflanzliche Lebensmittel bereitgestellt werden. Gleichzeitig würden aber enorme Futtermengen für Nutztiere entfallen.

Genau darin liegt der wesentlich größere Flächeneffekt. Die Untersuchung von Poore und Nemecek kommt zu dem Ergebnis, dass der weltweite Landwirtschaftsflächenbedarf bei einem vollständigen Verzicht auf tierische Produkte um mehr als drei Viertel sinken könnte, während die Weltbevölkerung weiterhin ernährt werden könnte. Selbst die benötigte Ackerfläche würde in diesem Modell nicht steigen, sondern ebenfalls zurückgehen.

Man kann sich diese Größenordnung stark vereinfacht mit 100 Hektar vorstellen. Benötigt das heutige globale Ernährungssystem in dieser Modellrechnung 100 Hektar, blieben bei einer vollständig pflanzlichen Ernährung nur ungefähr 24 Hektar erforderlich. Auf diesen Flächen müssten selbstverständlich mehr Pflanzen unmittelbar für Menschen wachsen, gleichzeitig verschwände jedoch ein wesentlich größerer Bedarf an Futtermitteln und Weideflächen. Die Behauptung, eine pflanzliche Ernährung benötige zwangsläufig mehr Fläche, berücksichtigt damit ausgerechnet jene Flächen nicht, die heute in gewaltigem Umfang für die Ernährung unserer Nutztiere beansprucht werden.

Zu einer seriösen Betrachtung gehört trotzdem das Gegenargument, dass Nutztiere Gras, Stroh, Erntereste und Nebenprodukte nutzen können, die Menschen nicht unmittelbar essen können. Ebenso wenig kann jedes Dauergrünland sinnvoll in Ackerland verwandelt werden. Landwirtschaftssysteme mit deutlich kleineren Tierbeständen können solche Ressourcen durchaus nutzen. Daraus folgt aber keine Notwendigkeit für Tierbestände in der heutigen Größenordnung.

Zwischen überhaupt keiner Tierhaltung und unserem gegenwärtigen System liegt ein breites Spektrum, innerhalb dessen der Flächenbedarf erheblich sinken kann. Es geht deshalb weniger darum, eine vollständig vegane Landwirtschaft zum alleinigen Ziel zu erklären. Viel interessanter ist die Größenordnung jener Flächen, die heute nur deshalb intensiv genutzt werden, weil unser Konsum tierischer Produkte entsprechend hoch ist.

 

Der Flächenverbrauch ist nur der Anfang

Weniger Tiere würden nicht nur weniger Futtermittelfläche bedeuten. Mit jedem Tier beginnt eine ganze Produktionskette, denn Futter muss angebaut, gedüngt, geerntet, transportiert und gelagert werden. Ein großer Teil der aufgenommenen Nährstoffe wird anschließend wieder ausgeschieden. Gülle und Mist müssen dann erneut gelagert, transportiert und auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht werden.

Deutschland hat seinen landwirtschaftlichen Stickstoffüberschuss in den vergangenen Jahrzehnten zwar deutlich verringert, doch selbst im gleitenden Fünfjahresmittel liegt er inzwischen noch bei rund 70 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr. Überschüssiger Stickstoff kann als Nitrat ins Grundwasser gelangen, als Ammoniak in die Atmosphäre entweichen oder als Lachgas klimaschädigend werden.

Die Folgen sind messbar. Im aktuellen Nitratbericht überschreiten rund 26 Prozent der Messstellen, deren Einzugsgebiete überwiegend landwirtschaftlich genutzt werden, den Schwellenwert von 50 Milligramm Nitrat je Liter. Die Belastung ist gegenüber früheren Berichtsperioden leicht zurückgegangen, bleibt aber weiterhin zu hoch.

Auch außerhalb der Äcker setzt sich diese Belastung fort. Ammoniak wird mit der Luft verfrachtet und gelangt in Wälder, Moore, Heiden und Magerrasen. Gerade diese nährstoffarmen Lebensräume reagieren empfindlich auf zusätzlichen Stickstoff aus der Atmosphäre. 2019 wurden auf rund 69 Prozent der Fläche empfindlicher Ökosysteme Deutschlands die ökologischen Belastungsgrenzen für Stickstoff überschritten. Besonders deutlich zeigt sich das in Teilen Nordwestdeutschlands, wo intensive Tierhaltung eine wesentliche Rolle spielt.

Wir düngen damit längst nicht mehr nur unsere Äcker. Ein Teil unserer landwirtschaftlichen Nährstoffe landet auch dort, wo gerade Nährstoffarmut eine Voraussetzung für Artenvielfalt ist. Stickstoffliebende Arten gewinnen dadurch Konkurrenzvorteile, während Pflanzen nährstoffarmer Lebensräume zurückgedrängt werden. Fast die Hälfte der auf der Roten Liste geführten Farn- und Blütenpflanzen ist unter anderem durch Nährstoffeinträge gefährdet.

 

Was bereits eine Halbierung tierischer Produkte verändern könnte

Eine europäische Modellstudie hat untersucht, was geschehen könnte, wenn Fleisch, Milchprodukte und Eier in der Europäischen Union um 50 Prozent reduziert und durch pflanzliche Lebensmittel ersetzt würden. Die Emissionen reaktiver Stickstoffverbindungen könnten dabei um rund 40 Prozent sinken. Gleichzeitig würden die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen um etwa 25 bis 40 Prozent zurückgehen, der Ackerflächenbedarf für die Ernährung pro Kopf um rund 23 Prozent sinken und der Verbrauch von Sojaschrot um ungefähr 75 Prozent zurückgehen.

Das zeigt vor allem, dass große Veränderungen nicht erst mit vollständigem Verzicht beginnen. Schon eine bewusste Reduzierung tierischer Produkte ist ein guter und wirksamer Weg, der uns selbst, der Natur und unserer Landschaft zugutekommt. Weniger tierische Produkte bedeuten weniger Tiere, weniger Futter, weniger Ausscheidungen und weniger intensiv beanspruchte Flächen. Damit sinkt zugleich der Druck durch Gülle, Ammoniak, Nitrat und Treibhausgase. Jeder Schritt in diese Richtung verändert deshalb weit mehr als nur unseren Speiseplan. Er entlastet Böden und Wasser, schafft Raum für Natur und macht unsere Landschaft widerstandsfähiger.

 

Und einen Teil davon schlachten wir für den Müll
KI-modifiziertes Foto

Besonders verstörend wird die Bilanz dort, wo Tiere für Lebensmittel gehalten und getötet werden, die am Ende niemand isst. Für diese Produkte wurden zuvor Futtermittel angebaut, Böden gedüngt, Wasser verbraucht, Flächen beansprucht und Gülle erzeugt. Tiere wurden zum Teil unter grausamen Bedingungen gehalten, dann transportiert und schließlich geschlachtet. Erst danach beginnt der eigentliche Irrsinn, denn ein Teil dieses gesamten Aufwandes landet im Müll.

Der Fleischatlas 2021 hat die Fleisch- und Wurstabfälle deutscher Privathaushalte in ganze Nutztiere umgerechnet. Die weggeworfenen Mengen entsprachen innerhalb nur eines Jahres rund 8,9 Millionen Hühnern, 640.000 Schweinen, 450.000 Puten, 360.000 Enten, 71.000 Gänsen, 52.000 Schafen und Ziegen sowie 50.000 Rindern. Zusammengerechnet entspricht das mehr als 10,5 Millionen Tieren, deren Fleisch produziert wurde, obwohl es am Ende niemand aß.

Zum Vergleich wurden 2025 in ganz Deutschland bei Wolfsübergriffen 3.783 Nutztiere getötet, verletzt oder vermisst, überwiegend Schafe und Ziegen. In den Bundesländern, die entsprechende Daten zum Herdenschutz veröffentlichen, waren bei etwa der Hälfte bis drei Viertel der Übergriffe auf Schafe die Tiere nicht oder nicht ausreichend geschützt. Auch Mehrfachtötungen, das sogenannte „surplus killing“, kommen vor.

Während über Wolfsübergriffe erbittert gestritten wird, entsorgen wir gleichzeitig allein in privaten Haushalten Fleischmengen, die rechnerisch mehr als 10,5 Millionen Nutztieren entsprechen, darunter 52.000 Schafe und Ziegen. Für diese Tiere wurden Flächen beansprucht, Futtermittel erzeugt, Wasser und Energie verbraucht. Sie wurden gehalten, transportiert und schließlich getötet, nur damit ein Teil ihres Fleisches am Ende im Müll landet.

Und ausgerechnet vor diesem Hintergrund zeigen wir mit moralischer Empörung auf den Wolf, wenn er Nutztiere tötet. Wir akzeptieren millionenfaches nutzloses Töten für unseren Konsum und sogar für unseren Abfall, erklären aber den Beutegreifer zum Problem, sobald er erledigt, was seiner Natur entspricht. Das ist nicht nur widersprüchlich. Es zeigt auch eine bemerkenswerte menschliche Arroganz im Umgang mit Leben.

Eine ältere Untersuchung des WWF berechnete für vermeidbare Lebensmittelverluste eine landwirtschaftliche Fläche von rund 2,6 Millionen Hektar, die rechnerisch umsonst bewirtschaftet wurde. 2,6 Millionen Hektar. Diese Größenordnung sollte man sich tatsächlich einmal vor Augen führen. Die damalige Berechnung ist nicht direkt mit den heutigen amtlichen Abfallzahlen gleichzusetzen, zeigt aber die enorme Flächendimension, die sich hinter vermeidbarer Lebensmittelverschwendung verbergen kann.

 

Die kommende Generation verändert mehr als ihren Speiseplan

Gleichzeitig verändert sich bereits die Nachfrage. Im Ernährungsreport des Bundes gaben 2015 noch 34 Prozent der Befragten an, täglich Fleisch oder Wurst zu essen, 2024 waren es 23 Prozent. Gleichzeitig erklärten 2024 bereits 39 Prozent, häufiger vegetarische oder vegane Alternativen zu tierischen Produkten zu kaufen. Im Jahr 2020 waren es erst 29 Prozent.

Das bedeutet keineswegs, dass Deutschland zwangsläufig vegan wird. Es zeigt jedoch, dass eine jahrzehntelang selbstverständliche Ernährungsweise an Selbstverständlichkeit verliert. Gesellschaftliche Veränderungen beginnen selten damit, dass alle Menschen gleichzeitig ihre Gewohnheiten ändern. Sie entstehen vielmehr dort, wo Millionen Menschen ihren Konsum nach und nach verändern und Produktion darauf reagieren muss, ähnlich wie bei der Elektromobilität, deren Entwicklung durch veränderte Kosten, steigende Kraftstoffpreise und neue Angebote zusätzlich beschleunigt wird.

Wenn sich diese Entwicklung dauerhaft fortsetzt, folgt der veränderten Nachfrage zwangsläufig auch die Produktion. Und mit der Produktion verändert sich schließlich die Fläche, die sie benötigt.

 

Plötzlich entsteht Raum

Zurück zum Thema. Das Öko-Institut hat untersucht, was eine Ernährung nach den Grundsätzen der Planetary Health Diet für die deutsche Landwirtschaft bedeuten könnte. Dieses Szenario ist nicht vegan, sondern reduziert tierische Produkte deutlich und erhöht gleichzeitig den Anteil von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen. Nach der Modellrechnung würden nur noch 56 Prozent der heute genutzten Ackerfläche und 45 Prozent der Grünlandfläche benötigt.

Bis zu 4,6 Millionen Hektar Ackerfläche und weitere 1,6 Millionen Hektar Grünland könnten dadurch für andere Nutzungen verfügbar werden. Zusammen sind das rund 6,2 Millionen Hektar und damit eine Größenordnung von rund 17 Prozent der gesamten deutschen Landesfläche. Verfügbar bedeutet dabei selbstverständlich nicht, dass diese Flächen automatisch aufgegeben, ungenutzt oder sofort zu Natur würden. Welche Nutzung daraus entsteht, wäre eine gesellschaftliche Entscheidung.

Diese Zahl verändert trotzdem die gesamte Diskussion. Eine andere Ernährung könnte nicht nur den ökologischen Druck auf vorhandene Landwirtschaftsflächen reduzieren. Sie könnte zusätzlich einen Raum eröffnen, dessen Größenordnung bislang kaum vorstellbar erscheint. Und genau dieser Raum führt unmittelbar zu einem Thema, das bisher meist getrennt von unserem Ernährungssystem diskutiert wird.

 

Zehn Prozent Prozessschutz rücken plötzlich in Reichweite
KI-modifiziertes Foto

Deutschland hat eine Fläche von rund 35,8 Millionen Hektar. Zehn Prozent davon entsprechen ungefähr 3,58 Millionen Hektar. Genau diese Größenordnung bildet auch die Grundlage meines Naturraumkonzeptes, bei dem zehn Prozent der Landesfläche als besonders geschützte Räume dauerhaft der natürlichen Entwicklung überlassen werden sollen.

Die europäische Biodiversitätsstrategie sieht ebenfalls vor, bis 2030 zehn Prozent der Landfläche besonders streng zu schützen. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz erfüllen Nationalparke und einige Naturschutzgebiete, die Deutschland bislang für dieses Ziel gemeldet hat, derzeit zusammen erst ungefähr 0,6 Prozent der Landfläche. Damit liegt zwischen dem heutigen Stand und zehn Prozent noch eine sehr große Lücke.

Dem steht ein modelliertes Flächenpotenzial von bis zu 6,2 Millionen Hektar gegenüber. Rein rechnerisch würde also bereits etwas mehr als die Hälfte dieses Potenzials ausreichen, um die Größenordnung von zehn Prozent der gesamten deutschen Landesfläche abzudecken. Daraus darf selbstverständlich nicht abgeleitet werden, dass genau diese Äcker und Wiesen morgen zu Prozessschutzräumen werden könnten. Es zeigt aber sehr deutlich, dass eine solche Größenordnung nicht zwangsläufig am angeblichen Mangel an Fläche scheitern muss.

Deutschland gilt als dicht besiedelt und intensiv genutzt. Daraus wird häufig abgeleitet, dass große Räume für natürliche Entwicklung kaum noch möglich seien. Eine veränderte und der Gesundheit entgegenkommende Ernährung stellt diese Vorstellung infrage, weil sich der Bedarf an intensiv genutzter Landwirtschaftsfläche erheblich verschieben könnte. Die Fläche wäre nicht neu entstanden, sondern würde lediglich nicht mehr in demselben Umfang für unsere heutige Produktionsweise benötigt.

 

Prozessschutz bedeutet tatsächlich echte Natur

Mit diesen zehn Prozent sind ausdrücklich nicht einfach weitere Flächen gemeint, die auf einer Karte wie bislang nur irgendeine Schutzgebietsfarbe erhalten. Viele heutige Schutzgebiete erlauben weiterhin Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Jagd, Fischerei oder andere Nutzungen. Ein Prozessschutzraum verfolgt einen anderen Ansatz, weil dort die natürliche Entwicklung, die Natur als Ganzes, Vorrang hat und wirtschaftliche Entnahme dauerhaft zurücktritt.

In diesen von mir auch in meinem Buch genannten Prozessschutzräume bezeichneten Gebieten gäbe es keine Landwirtschaft, keine Holzwirtschaft, keine Jagd, keine Fischerei, keinen Bergbau oder sonstigen Rohstoffabbau. Ausnahmen wären nur dort notwendig, wo zunächst Schäden aus früherer Nutzung beseitigt oder natürliche Prozesse wieder in Gang gesetzt werden müssen. Ein entwässertes Moor müsste zunächst wiedervernässt werden, ein verbautes Gewässer bräuchte möglicherweise wieder Raum und stark belastete Flächen würden Zeit benötigen, bevor natürliche Prozesse wieder eigenständig wirken können.

Prozessschutz bedeutet deshalb nicht, dass der Mensch von einem Tag auf den anderen vollständig verschwindet. Es bedeutet, dass er nicht mehr dauerhaft vorgibt, welcher Baum stehen darf, welche Tierart in welcher Zahl erwünscht ist, welcher Flusslauf akzeptabel ist und welche Biomasse entnommen werden soll. Der Mensch kann beobachten, forschen und Natur erleben, ohne sie gleichzeitig permanent nach wirtschaftlichen Zielvorstellungen zu steuern.

Solche Räume wären nicht statisch. Bäume dürften alt werden, umstürzen und verrotten, Gewässer könnten ihre Dynamik entwickeln, Moore Wasser halten und Tierpopulationen wieder stärker durch Nahrung, Raum, Konkurrenz, Krankheiten und Prädation geprägt werden. Nicht ein bestimmtes Landschaftsbild würde konserviert, sondern natürliche Veränderung bekäme wieder Raum.

 

Trittsteine echter Natur bis tief in die Kulturlandschaften

Diese zehn Prozent müssten nicht als ein einziger riesiger Block irgendwo am Rand Deutschlands liegen. Sinnvoll wäre ein Netz aus großen Kernräumen, Mooren, Waldgebieten, Flusslandschaften, Küstenabschnitten sowie verbindenden Korridoren und Querungshilfen wie Grünbrücken. Dadurch könnten Trittsteine echter Natur tief in unsere Kulturlandschaften hineinreichen.

Tiere könnten sich zwischen geeigneten Lebensräumen bewegen, genetischer Austausch würde erleichtert und Arten könnten auf veränderte klimatische Bedingungen mit räumlicher Verschiebung reagieren. Moore, Wälder, Auen und Feuchtgebiete würden nicht nur Arten schützen, sondern zugleich Wasser speichern, Kohlenstoff binden, Landschaften kühlen und Extremereignisse abpuffern. Der Verlust an Artenvielfalt könnte gebremst und teilweise umgekehrt werden, natürliche Lebensräume würden sich erholen und zugleich könnten solche Räume einen erheblichen Beitrag zum Klima, Wasserhaushalt und zur Widerstandsfähigkeit unserer Landschaften leisten.

Mindestens ebenso wichtig wären sie als Referenzräume. Wir könnten beobachten, wie sich mitteleuropäische Ökosysteme entwickeln, wenn nicht permanent gemäht, gefällt, geschossen, gefischt, entwässert, gedüngt und nach wirtschaftlichen Zielbildern gesteuert wird. Erst dort ließe sich wieder erkennen, wie groß der Unterschied zwischen Natur und einer vollständig organisierten Kulturlandschaft tatsächlich ist. Jagdliche Meinungen und Annahmen würden dort nicht länger den Maßstab setzen. Sie könnten durch Beobachtung, Vergleich und Messung überprüft werden.

Die Fläche ist da, unsere Verantwortung auch

Es geht deshalb längst nicht mehr nur darum, vielleicht etwas weniger Fleisch zu essen. Wer seinen Konsum tierischer Produkte halbiert, verändert bereits etwas. Wer ihn um drei Viertel reduziert, verändert sehr viel. Und wer für sich entscheidet, weitgehend oder vollständig darauf zu verzichten, gibt der Landschaft, der Biologie und der Natur noch mehr zurück. Millionen Menschen könnten auf diese Weise Millionen Hektar verändern, ohne einen einzigen neuen Quadratmeter schaffen zu müssen. Gleichzeitig würden Biodiversität, Klima, Wasserhaushalt und Böden profitieren.

Die zehn Prozent scheitern nicht am Platz. Wir haben den Platz längst. Wir nutzen ihn nur für etwas anderes. Für Futtermittel, Tierhaltung, Erträge und Konsum. Weniger Tiere, weniger Futter und weniger intensive Nutzung könnten Millionen Hektar wieder freigeben. Es fehlt also nicht an Fläche, sondern an Bereitschaft, Prioritäten zu verändern.

Wir können nicht auf der einen Seite über Artensterben, Klimakrise und den Verlust natürlicher Lebensräume klagen und auf der anderen Seite daran festhalten, dass unser eigener Konsum möglichst unangetastet bleibt. Wer Natur zurückhaben will, muss ihr auch Raum zurückgeben. Die Fläche ist da. Die Verantwortung ebenfalls. Und gegenüber den Generationen, die nach uns kommen, wird die Ausrede immer schlechter, wir hätten es nicht besser gewusst.

 

Dieser Beitrag kratzt nur an der Oberfläche.
Warum wir Natur immer stärker nutzen, ordnen und kontrollieren und dabei genau das verlieren, was wir eigentlich schützen wollen, darum geht es ausführlich in meinem Buch „Kulturlandschaft – Die Logik hinter dem Artenverlust“.

Hier zu finden: https://naturdigital.online/buch/

 

 

 

Hier mit KI in visualisierter Kurzform als Video auf meinem YouTube-Kanal 

 

Quellen und Anlagen:

Umweltbundesamt, Fragen und Antworten zur Ernährung: Anlage

Umweltbundesamt, Umweltbelastungen der Landwirtschaft: Anlage

Bundeszentrum für Landwirtschaft, „Kann Landwirtschaft auch ohne Nutztiere funktionieren?“: Anlage

Öko-Institut, Gesund zu essen fürs Klima. Allein bei einer Ernährungsumstellung in Deutschland auf die „Planetary Health Diet“ könnten knapp drei Viertel der Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft und der Landnutzung eingespart werden: Anlage

BFN, Umsetzung der EU-Schutzgebietsziele 2030 in Deutschland: Anlage

Böll-Stiftung, Fleischatlas, erschreckend was wir wegwerfen: Anlage

 

4.2 5 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
9 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Karl Heinz
Karl Heinz
7 Tage vor

Während ich Deinen Beitrag und die ganzen Zusammenhänge Zeile für Zeile mit gewohnt hohem Interesse verinnerlicht habe, kamen mir weitere ergänzende oder flankierende Argumente und Gedanken z.B. hinsichtlich der nicht genutzten Fleisch- und Wurstabfälle deutscher Privathaushalte zu denen Du ja ausgeführt hast. Würden wir nicht in Überfluss leben, gäbe es diese Abfälle nicht. Somit muss man sich die Frage stellen, ob nicht so gut wie jeder unter uns, das perfide System mit seinem Kaufverhalten stützt? 

In meiner Bundeswehrzeit wurden Essensreste aus der Kantine in großen Tonnen für Schweinefutter gesammelt. Ich habe das über Monate direkt erlebt, bis das Gesetz diese Möglichkeit beendet hatte. Absurd, denn: Schweine sind gegenüber dem klassischen BSE-Erreger über die Nahrung (oral) extrem resistent. Selbst als in den 1990er Jahren hochinfektiöses Material an Schweine verfüttert wurde, erkrankten diese im Gegensatz zu Rindern nicht an BSE.
Fakt ist, bis  in die späten 1990er-Jahre hinein, war es völlig normal, tierische Abfälle wieder an landwirtschaftliche Nutztiere zu verfüttern. Da ist von Maul bis Schwanz nichts verkommen. Das Verbot um die Jahrtausendwende war daher nicht nur eine seuchenpolizeiliche „Notwendigkeit“, sondern auch das Eingeständnis eines moralischen und systemischen Fehlers oder besser Bankrotturteil weltweit, zugunsten monetärer Interessen.

Heutzutage werden Schlachtabfälle bekanntlich direkt zu Hund- und Katzenfutter verarbeitet und Duft sowie süchtigmachende Stoffe beigemischt. Gerade nach dem „After Corona-Hundehalter-Wahnsinn“ ein äußerst lukratives Geschäft auf das bei den großen Discountern schnell mit allerlei Hundebedarf reagiert wurde.

Wir versuchen Mitstreiter für den Kampf um einen ökologisch sinnvollen Umbau unserer „Natur“ zu finden und das Interesse dafür zu wecken. Die Politik scheint „uns “ da ein Bein stellen zu wollen. Natur- und Artenschutz ist out! Das ist traurig. 

Was mich aber zusätzlich bewegt ist eine ganz andere Zeitbombe, die wir bei unserem Einsatz gerne übersehen. Wir alle erzeugen mit unserem Konsum von Mischgeweben, Plastikprodukten und beim Autofahren Mikro sowie Nanopartikel. Wir leben nicht im Computerzeitalter, sondern eher im Plastikzeitalter und unsere Meere und Böden sind verseucht. Fast jeder (!) Mensch hat krebs- und andere krankheitserregende Nano Partikel im Körper. Auch Du und Ich mit einem sehr hohen Grad an Wahrscheinlichkeit. Bei normalen Blutuntersuchungen wird das nicht festgestellt und resultierende Beschwerden werden daher oft als psychisch abgewiegelt. Wir sind förmlich paralysiert von  immer mehr hilflosen wie unfähigen Politikern und kommen uns vor wie Don Quichote bei seinem Kampf gegen die Windmühlen.

Ein gewisser Harry Harlow wies nach, dass soziale Bindungen für die emotionale Entwicklung der Primaten extrem wichtig sind. Der britische Psychoanalytiker und Psychiater John Bowlby hielt Harlow zugute, dass er die Bindungstheorie „gerettet“ und alle Welt davon überzeugt habe, wie wichtig die Eltern-Kind-Beziehung sei. Leider wird das Internetzeitalter und insbesondere KI diese sozialen Bindungen und Sozialkompetenz eher zerstören als fördern. Emotionale Abstumpfung und Hass auf den asozialen Medien ist der Beweis.

Exkurs: Auf Facebook würde ich jetzt erwarten, dass Kommentare wie „Go Vegan“ kommen. Aber reiner Veganismus wäre auch nur ein kleiner Baustein für eine bessere Welt und offenbart nicht den Gutmenschen! Ein Veganer benötigt als Ersatz für Lederprodukte die in vielen Fällen Jahre länger halten als andere Stoffe, Ersatzprodukte z.B. aus Plastik. Ein Veganer würde jederzeit akzeptieren, dass sein Hund oder seine Katze Futter aus Fleischabfallresten bekommt, ohne sich dann die Frage des Tierleides zu stellen. Ein Veganer fährt Auto, verpestet genauso die Luft und erzeugt Plastikabfall. Ich denke der Homo sapiens hat ausgedient und wenn ich den Hass überall sehe, scheint Hoffnung eher einem Wunschkonzert zu ähneln.

Mach weiter so!

Petra Freudenberg
Petra Freudenberg
11 Tage vor

Ja, lieber Guido, WO anfangen ?! Vielleicht am Ende ? „So, wie es jetzt läuft, darf es nicht weitergehen : wir stehen bereits am Abgrund und auf diesem Kurs sind wir morgen einen Schritt weiter.“
Ein Anfang ist : „Niemand kennt die Ideallösung, aber (nur) gemeinsam können wir ihr näher kommen.“
Ein fast unscheinbares, aber vitales Wort : gemeinsam. An dem hängt unsere aller Existenz und die der nächsten Generationen, d.h. von Millionen von Menschen, wie an einem seidenen Faden. Und an dem „gemeinsam“ hapert es auf allen Ebenen außer, wenn es um’s Vergnügen geht.
Du hast die Ideallösung gefunden! Aber schon durch den Beitrag von Martin sehen wir, dass es eine Jahrhundertaufgabe ist, dieser Lösung so nahe wie möglich zu kommen.
Des Menschen Gehirn ist durch viel „Festgefahrenes“ geprägt und tut sich mit Reformen enorm schwer. Was es nicht kennt, macht ihm Angst (s. Wolf), ist aber auf dem Weg der Besserung. Denn eins ist gewiss, dadurch, dass sich mehr und mehr der Gedanke an teilweisen bis ganzen Verzicht auf Fleisch durchsetzt, wird auch die Produktion und somit alles, was zur Viehwirtschaft gehört, zurückgehen.
Spätestens nach den nächsten zehn Naturkatastrophen in Deutschland und Europa wird auch hier der letzte Alles-Besser-Wisser einsehen müssen, dass es so, wie es jetzt läuft, nicht weitergehen darf, nicht auf und in der Erde, nicht im Wasser, nicht in der Luft.
🦊

Bettina
Bettina
12 Tage vor

Oh Danke Guido! Wieder einmal. Bis in jedes Detail dröselst du gekonnt die Zusammenhänge auf. Es ist so wichtig. Aber wir wissen wohl leider alle, dass zu viele Menschen heute, diese unsere Lebensgrundlage – das da Draussen und wie es funktioniert” – nicht mehr kennen, nichts damit anzufangen wissen und für die Biologie sowieso nur langweilig ist. Danke dafür. Du schreibst mir aus der Seele. Liebe Grüße Bettina

Michaela Sauthoff-Kaiser
Michaela Sauthoff-Kaiser
13 Tage vor

Lieber Guido,

dein Beitrag macht auf eindrucksvolle Weise sichtbar, wie eng unser Essen und damit eine prinzipiell einfach zu ändernde Stellschraube mit dem Zustand unserer Landschaft verbunden ist. Besonders stark finde ich, dass du nicht bei der individuellen Konsumentscheidung stehen bleibst, die für mich bei all dem, was wir heute wissen, oft erschreckend sind, sondern weitreichende Zusammenhänge aufzeigst. Futtermittelanbau, Tierhaltung, Gülle, Stickstoffeinträge, Flächenverbrauch, Artenverlust und schließlich die Frage, wie viel Raum der Natur überhaupt noch bleibt, sind keine neuen Themen und dennoch scheinen sie in den Köpfen vieler nicht anzukommen oder sollen vielleicht auch aus interessengeleiteten Gründen nicht ankommen.
Aber die von dir genannten Zahlen sind erschreckend wie real und man muss sie sich tatsächlich auf der Zunge zergehen lassen. Nicht, weil sie abstrakte Größen aus irgendeiner Statistik wären, sondern weil hinter jedem Hektar etwas steht wie ein überdüngtes Grünland, ein ausgeräumter Acker, ein entwässertes Moor, ein belastetes Gewässer oder ein Wald, der unter Hitze und Trockenheit seine Widerstandskraft verliert. Und hinter jedem weggeworfenen tierischen Lebensmittel steht ein Lebewesen, das gehalten, versorgt, transportiert und getötet wurde, obwohl sein Fleisch am Ende niemand gegessen hat.

Das wird im Alltag oft verdrängt. Wir sehen das gefüllte Supermarktregal, aber nicht die Böden, das Wasser, die Tiere und die Landschaften, die dafür ihren Preis zahlen. Wir beklagen trockene Bäche, geschädigte Wälder, aufgeheizte Städte, Ernteausfälle und zunehmende Extremwetterereignisse, wollen aber möglichst nicht über die Ursachen und unsere eigenen Prioritäten sprechen. Unser aller Natur wird von Interessengruppen aufgeteilt wie ein Kuchen und wir denken, dass wir machtlos davorstehen, doch das sind wir nicht. Wir müssen nur bereit sein, etwas zu ändern. Und an dieser Stelle hast du wirklich etwas sehr Wichtiges klargestellt! Die Welt muss nicht morgen vegan sein, vielleicht muss sie es nie, denn schon eine Reduzierung des Fleischkonsums würde das bewirken, was du so treffend auf den Punkt bringst!

Und wenn dann wieder gefragt wird, wer Naturschutz, Renaturierung und echte Freiräume bezahlen soll, der hat sich die bereits existierende Rechnung noch nicht angesehen. Wir bezahlen längst. Mit Steuergeld, steigenden Versicherungsbeiträgen, Schäden an Infrastruktur, gesundheitlichen Belastungen, Ernteverlusten und einer immer verletzlicheren Lebensgrundlage. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir etwas ändern wollen, sondern wie lange wir es uns noch leisten wollen, es nicht zu tun.
Dass dein Konzept keine Utopie ist, zeigen Projekte wie der Nationalpark Bayerischer Wald oder der Schweizerische Nationalpark. Doch für echten Prozessschutz müssen solche Gebiete vernetzt sein.

In letzter Instanz, mein Freund, macht für mich dein Beitrag eins deutlich, nämlich dass, was als Appell am Ende deines gelungenen Videos steht. Unsere Prioritäten zu ändern, bedeutet nicht Verzicht auf Lebensqualität, sondern vielmehr sie für Menschen, Tiere und Landschaften überhaupt zu bewahren. Den Platz dafür haben wir allemal, wir nutzen ihn bisher nur für etwas anderes, denn immer noch zählen einzig der betriebswirtschaftliche Ertrag oder die schlichte Bedürfnisbefriedigung, politisch zudem gefördert, nie aber die tatsächlich wichtigen und zukünftigen Belange für die Menschen von morgen!

Herzlichen Dank an dich,
Ela

Martin Grossniklaus
Martin Grossniklaus
14 Tage vor

Ein äusserst lesenswerter und gut belegter Beitrag Guido. Ein Thema, dass mich seit Jahren Beschäftigt.

Besonders überzeugend finde ich, dass er Ernährung nicht bloss als private Konsumentscheidung behandelt, sondern den direkten Zusammenhang zwischen unserem Speiseplan, der landwirtschaftlichen Produktion und der Gestaltung unserer Landschaften sichtbar macht. Was wir essen, beeinflusst, welche Pflanzen angebaut werden, wie viele Flächen für Futtermittel benötigt werden und wie stark Böden, Gewässer und Ökosysteme durch Dünger und Pflanzenschutzmittel belastet werden. Genau diese Zusammenhänge werden in politischen Diskussionen meines Erachtens noch immer zu wenig berücksichtigt.

Der Beitrag kommt zu einem sehr passenden Zeitpunkt: In der Schweiz stimmen wir am 27. September 2026 über die Ernährungsinitiative ab. Sie verlangt, dass mindestens 70 Prozent der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel im Inland hergestellt werden. Erreicht werden soll dies unter anderem durch eine Verschiebung von der tierischen hin zu einer stärkeren pflanzlichen Produktion. Gleichzeitig sollen Trinkwasser, Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität besser geschützt sowie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger reduziert werden. Die Ziele müssten innerhalb von zehn Jahren erreicht werden.

Die Parallelen zwischen dem Beitrag und der Schweizer Ernährungsinitiative sind bemerkenswert. Beide gehen von derselben grundlegenden Erkenntnis aus: Wenn pflanzliche Lebensmittel zuerst an Tiere verfüttert und erst danach in Form von Fleisch, Milch oder Eiern konsumiert werden, benötigt das Ernährungssystem mehr Fläche und Ressourcen. Werden auf einer grösseren Fläche direkt Lebensmittel für Menschen produziert, kann dieselbe landwirtschaftliche Fläche mehr Menschen versorgen. Genau mit diesem Zusammenhang begründet auch der Bund die Zielsetzung der Initiative, weniger tierische und mehr pflanzliche Lebensmittel zu produzieren.
Ebenso positiv ist, dass weder der Beitrag noch die Initiative die Landwirtschaft isoliert betrachten. Es geht gleichzeitig um Versorgungssicherheit, Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit, sauberes Trinkwasser und eine effizientere Nutzung der sehr begrenzten Flächen in der Schweiz (Im Vergleich mit Deutschland).
Der Beitrag zeigt am Beispiel Deutschlands, wie stark Futtermittelproduktion und Tierhaltung die Kulturlandschaft prägen. Die Initiative überträgt eine vergleichbare Fragestellung auf die Schweiz: Welche Lebensmittel sollen wir auf unseren knappen Flächen produzieren, und wie können wir die Bevölkerung möglichst krisenfest und zugleich umweltschonend versorgen?

Ich sehe die Ernährungsinitiative als Chance. Sie stellt die berechtigte Frage, wie wir Ernährungssicherheit, Biodiversität, Trinkwasserschutz und eine nachhaltige Nutzung unserer begrenzten Landwirtschaftsflächen gemeinsam denken können.
Leider hat die Initiative einen schweren Stand. Bundesrat, Parlament, der Bauernverband und die meisten grossen Parteien lehnen sie ab und die aktuellen Umfragen deuten ebenfalls auf eine Ablehnung hin…

Ich hoffe das Beste für die kommende Abstimmung, befürchte aber das schlimmste.
Danke Guido für den Beitrag, Grüsse aus der Schweiz, Martin

Nach oben scrollen
9
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x