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Der Waschbär zwischen Natur und Kulturlandschaft
Was sein Leben in Nordamerika über unsere Probleme mit ihm erzählt

Wer in Deutschland über den Waschbären spricht, beginnt meist mit Narrativen wie „invasiv“ und „Plage“. Es folgen Berichte über geplünderte Vogelnester, Amphibienverluste, hohe Bestände und Forderungen nach intensiver Bejagung. Nicht selten kommen Begriffe wie „Schädling“ oder „Problemart“ hinzu.
Diese Wortwahl ist keineswegs bedeutungslos. Gerade aus jagdlicher Perspektive hat sich über Jahre eine Argumentationskette gegenüber Prädatoren etabliert, die den Waschbären nahezu ausschließlich über seine Schäden beschreibt. Gebietsfremd wird dabei schnell zu invasiv, invasiv zu schädlich und schädlich schließlich zur scheinbar selbstverständlichen Begründung seiner Tötung. So entsteht der Eindruck, die ökologische Bewertung sei längst abgeschlossen und die Antwort liege zwangsläufig in einer möglichst intensiven Bejagung.
Doch diese Betrachtung beginnt bereits zu spät. In seiner nordamerikanischen Heimat lebt der Waschbär seit sehr langen evolutionären Zeiträumen gemeinsam mit Vögeln, Amphibien und Reptilien. Auch dort frisst er Eier und Jungvögel und ist dennoch selbstverständlicher Bestandteil natürlicher Nahrungsnetze. Es lohnt sich deshalb, zunächst dorthin zu schauen, wo er ursprünglich zu Hause ist.
Ein vertrauter Naturraum und ein natürlicher Prädator
Das natürliche Verbreitungsgebiet des Waschbären reicht vom südlichen Kanada über große Teile der USA bis nach Mittelamerika. Deutschland liegt teilweise auf ähnlichen Breitengraden. Der Breitengrad allein bestimmt zwar kein Klima, doch Untersuchungen zu seiner klimatischen Nische und seinen Habitatpräferenzen zeigen, dass große Teile Mitteleuropas für den Waschbären sehr gut geeignet sind.
Auch seine bevorzugten Lebensräume ähneln sich auf beiden Kontinenten. Strukturreiche Laub- und Auwälder, Flussniederungen, Feuchtgebiete, alte Bäume, dichter Bewuchs und ein vielfältiges Nahrungsangebot bieten günstige Bedingungen. Als Nahrungsgeneralist frisst er Früchte, Nüsse, Insekten, Krebse, Amphibien, Fische und kleine Wirbeltiere, aber auch Eier und Jungvögel. Gleichzeitig verbreitet er Samen und ist selbst Teil der Nahrungskette.
Biogeografisch ist der Waschbär bei uns fremd. Ökologisch befindet er sich jedoch keineswegs in einer völlig fremden Welt. Auch in Nordamerika gehört die Prädation von Vogelnestern zu seinem natürlichen Verhalten. Nicht der einzelne Verlust von Eiern oder Jungvögeln ist dabei ausschlaggebend, sondern die Frage, ob solche Verluste Populationen tatsächlich und nachweisbar gefährden.
Gerade hier fällt ein Unterschied in der Bewertung auf. Nach Angaben des U.S. Fish and Wildlife Service wurden allein während der Jagdsaison 2024 in den USA schätzungsweise 14,34 Millionen Enten getötet, darunter rund 3,47 Millionen Stockenten. Natürliche Prädation und menschliche Jagd sind ökologisch nicht identisch, siehe auch naturdigital.online/wenn-natur-nicht-mehr-waehlen-darf . Dennoch muss man sich in beiden Fällen die Frage stellen, ob die jeweilige Mortalität einen Bestand tatsächlich gefährdet.
Nordamerikanische Untersuchungen zeigen zudem, dass die Auswirkungen der Prädation stark von den Landschaftsbedingungen abhängen. Fragmentierung, geringe Lebensraumgröße, menschliche Nutzung, künstliche Nahrungsquellen und konzentrierte Brutplätze beeinflussen, wie häufig Prädator und Beute aufeinandertreffen. Unter stark veränderten Bedingungen kann deshalb selbst ein heimischer Prädator lokal zum Naturschutzproblem werden.
Wenn die Landschaft das Problem erzeugt

Besonders deutlich wird die Rolle der Landschaft bei bedrohten Küsten-, Wiesen- und Bodenbrütern. Viele dieser Arten haben durch Landwirtschaft, Entwässerung, Bebauung, Straßen und andere menschliche Eingriffe große Teile ihrer Lebensräume verloren. Geeignete Brutflächen bleiben häufig nur noch als kleine Inseln zurück. Auch in Deutschland gehören Arten des Agrar- und Feuchtgrünlandes zu den großen Verlierern. Zwischen 1998 und 2022 gingen beispielsweise die Bestände des Kiebitzes um 65 Prozent, die von Bekassine und Rebhuhn um jeweils 66 Prozent zurück. Das Bundesamt für Naturschutz nennt insbesondere Lebensraumverlust, Entwässerung und die Intensivierung der Landwirtschaft als wesentliche Ursachen.
Anpassungsfähige Generalisten wie der Waschbär können gleichzeitig von derselben Kulturlandschaft profitieren. Müll, Tierfutter, Fallobst, Gebäude und andere künstliche Ressourcen erhöhen das Nahrungsangebot und schaffen zusätzliche Unterschlüpfe. In einem Waldgebiet des Weserberglands wurden etwa zwei bis vier Waschbären pro Quadratkilometer ermittelt, während Untersuchungen im urbanen Kassel Dichten von etwa 90 bis 110 Tieren pro Quadratkilometer feststellten. Nicht mehr Natur erzeugt dort höhere Dichten, sondern zusätzliche Ressourcen des Menschen.
Hinzu kommt, dass nicht jeder Waschbär gleichermaßen zur Prädation beiträgt. Eine GPS-Studie im kalifornischen Suisun Marsh zeigte, dass nur 29,2 Prozent der untersuchten Waschbären für 95,6 Prozent der registrierten Begegnungen mit Entennestern verantwortlich waren. Wie wahrscheinlich solche Begegnungen wurden, hing zudem stark von Landschaftsstrukturen wie Kanälen, Straßen, Gehölzen und menschlichen Bauwerken ab.
Damit wird eine pauschale Schuldzuweisung an eine ganze Art fragwürdig. Wo empfindliche Arten auf Restflächen zusammengedrängt werden und der Mensch gleichzeitig Generalisten außergewöhnlich günstige Bedingungen schafft, kann Prädation zum zusätzlichen Problem werden. Die Ursache liegt dann jedoch nicht allein beim Prädator, sondern auch in einer Landschaft, die wir nach unseren Nutzungsvorstellungen gestaltet haben.
Vom Menschen nach Europa gebracht
Der Waschbär kam nicht auf natürlichem Wege nach Europa. 1934 wurden am hessischen Edersee vier Tiere bewusst ausgesetzt. Weitere Tiere gelangten später unter anderem aus Pelztierhaltungen in die Freiheit. Daraus entwickelten sich Ausgangspopulationen seiner heutigen Verbreitung in Deutschland.
Biogeografisch ist der Waschbär damit eindeutig eine eingeführte Art. Daraus folgt jedoch noch nicht automatisch, wie seine ökologische Wirkung an jedem einzelnen Ort zu bewerten ist.
Fremd ist nicht automatisch invasiv

Eine gebietsfremde Art ist nicht allein deshalb invasiv, weil sie ursprünglich nicht in einem Gebiet vorkam. Als invasiv gelten Arten, deren Einführung oder Ausbreitung erhebliche negative Auswirkungen auf biologische Vielfalt und Ökosysteme hat oder erwarten lässt.
Ein anschauliches Beispiel ist die Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis). Sie stammt ursprünglich aus Ostasien und gelangte unter anderem über das Ballastwasser großer Handelsschiffe nach Europa, wo sie erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts nachgewiesen wurde. Heute ist sie in Deutschland etabliert und steht seit 2016 auf der EU-Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung. Ihre weitere Ausbreitung erfolgt über Flüsse, Kanäle und andere Wasserstraßen.
Die Folgen sind konkret nachweisbar: Bei Massenauftreten frisst sie andere Bodentiere, tritt in Nahrungskonkurrenz zu gewässergebundenen Arten, kann die Krebspest übertragen und verstärkt durch ihre Grabgänge die Erosion von Uferbereichen. Gerade hier wird deutlich, was „invasiv“ tatsächlich bedeutet. Nicht die fremde Herkunft allein ist ausschlaggebend, sondern die nachweisbaren negativen Auswirkungen ihrer Ausbreitung.
Das Mufflon zeigt den Bewertungswiderspruch

Gerade vor diesem Hintergrund lohnt sich der Vergleich mit dem Mufflon. Auch das Mufflon ist in Deutschland nicht auf natürlichem Wege heimisch geworden, sondern wurde vom Menschen nach Mitteleuropa gebracht, insbesondere als begehrte zu schießende Wildtierart für die Jagd.
Wie unterschiedlich dieselbe eingeführte Tierart bewertet werden kann, zeigt sich heute auf engem geografischem Raum besonders deutlich. Im Kreis Steinfurt ordnete die Untere Jagdbehörde 2025 für Lienen und Lengerich an, sämtliches vorkommendes Muffelwild zu töten und hob dafür sogar die Schonzeit auf. Begründet wird dies unter anderem mit einer vermutlich verbotswidrigen Ansiedlung, möglichen Schäden an Waldverjüngung und dem Ziel, die weitere Etablierung dieser zusätzlichen Tierart zu verhindern.
Nur rund 150 Kilometer entfernt wird nahezu gegenteilig argumentiert. Die Jägerschaft Schaumburg fordert für den Bückeberg, das Gebiet durch jagdliche Maßnahmen dauerhaft „wolfsrudelfrei“ zu halten, um die dortige Muffelwildpopulation zu erhalten. Der heimische Wolf soll dort also zurückgedrängt werden, damit eine ursprünglich vom Menschen eingeführte Tierart bestehen bleibt.
Damit zeigt sich ein bemerkenswerter Bewertungswiderspruch: Hier soll das Mufflon vollständig verschwinden, dort soll sogar ein heimischer Prädator zurückgedrängt werden, damit es bleibt. Was als unerwünscht, schützenswert oder zu „regulieren“ gilt, scheint damit nicht allein von Herkunft und ökologischer Wirkung abzuhängen, sondern auch davon, welche jagdlichen Interessen vor Ort mit einer Tierart verbunden sind.
Gerade deshalb darf auch beim Waschbären seine fremde Herkunft nicht bereits die ökologische Bewertung vorwegnehmen. Maßstab müssen konkrete und nachweisbare Auswirkungen auf Populationen und Lebensräume sein sowie die Frage, ob eine Tötungsmaßnahme dem angegebenen Schutzziel tatsächlich hilft.
Der Fuchs zeigt, dass es nicht nur um „fremd“ oder „heimisch“ geht

Noch deutlicher wird diese Argumentationsweise beim Vergleich mit dem Rotfuchs. Anders als der Waschbär ist der Fuchs ein heimischer Prädator und seit langer Zeit selbstverständlicher Bestandteil mitteleuropäischer Ökosysteme. Trotzdem wird auch er häufig vor allem über seine Beute beschrieben: Bodenbrüter, Feldhasen und anderes sogenanntes Niederwild, dessen Verluste ihm zugerechnet werden.
Damit fällt beim Fuchs das Argument der fremden Herkunft vollständig weg. Dennoch folgt die Argumentation einem ähnlichen Muster: Der Prädator frisst andere Tiere, daraus wird ein Schaden abgeleitet und aus diesem Schaden wiederum die Notwendigkeit seiner Tötung begründet. Das legt nahe, dass es in dieser Debatte nicht allein um die Herkunft einer Art geht, sondern auch um die Rolle des Prädators selbst.
Prädation ist jedoch kein Fehler im Ökosystem, sondern ein grundlegender biologischer Prozess. Das bedeutet nicht, dass jeder Prädator an jedem Ort und in jeder Dichte ohne Folgen bleibt. Gerade bei bereits stark geschwächten Populationen können zusätzliche Verluste erheblich sein. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass der Prädator selbst die Ursache des Problems ist.
Beim Fuchs wie beim Waschbären sollte deshalb dieselbe Frage gestellt werden. Ist eine Population tatsächlich durch Prädation bedroht, oder wird ein natürlicher Vorgang zum Problem erklärt, weil der Mensch bestimmte Bestände selbst kontrollieren möchte? Wo natürliche Prädation grundsätzlich als unerwünschter Verlust betrachtet wird, wird der Prädator schnell vom Bestandteil des Ökosystems zum Störfaktor menschlicher Bestandsplanung.
Wenn Restflächen zur ökologischen Falle werden

Besonders deutlich wird der Zusammenhang in der Mittleren Havelniederung. Dort konzentrierten sich Waschbären und andere Prädatoren auf schmale Röhricht- und Uferbereiche, die gleichzeitig von Bodenbrütern genutzt werden. Landwirtschaft reicht teilweise bis dicht an die Gewässer heran. Prädator und Beute werden damit auf dieselben verbliebenen Restflächen zusammengedrängt. Im naturnäheren Müritz-Nationalpark wurden vergleichbare negative Auswirkungen auf Bodenbrüter dagegen nicht festgestellt.
Die Wissenschaftler diskutieren deshalb eine ökologische Falle, bei der Tiere einen scheinbar geeigneten Lebensraum nutzen, dieser durch seine veränderten Strukturen aber zu einem erhöhten Risiko für Fortpflanzung und Überleben wird, und empfehlen ausdrücklich, Feucht- und Röhrichtlebensräume wieder zu vergrößern. Weniger intensive Nutzung an Gewässern könnte Bruträume erweitern und gleichzeitig den Prädationsdruck senken.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Warum töten wir den Prädator, bevor wir fragen, warum wir Prädator und Beute überhaupt auf die letzten geeigneten Flächen zusammengedrängt haben? Lebensraumverlust, Entwässerung, intensive Landwirtschaft, Zerschneidung und künstliche Nahrungsquellen verschwinden durch einen Schuss nicht.
Lokaler Artenschutz statt pauschaler Bekämpfung
Das bedeutet nicht, mögliche Auswirkungen des Waschbären zu verharmlosen. Gerade bei Amphibien, Reptilien und kleinen, bereits bedrohten Populationen kann zusätzliche Prädation erheblich sein. Erdkröten, Frösche, Molche, Ringelnattern oder die Europäische Sumpfschildkröte können lokal betroffen sein.
Daraus kann sich die Notwendigkeit gezielter Maßnahmen ergeben. Entscheidend muss jedoch sein, welche konkrete Art geschützt werden soll, wodurch sie tatsächlich gefährdet ist und ob eine Maßnahme nachweislich zu ihrer Erholung beiträgt. Genau darin unterscheidet sich konkreter Artenschutz von pauschaler Bekämpfung.
Was wird eigentlich alles durch angebliche Regulation getötet?

Ein Blick auf die Jagdstatistik verändert die Perspektive erheblich. Im Jagdjahr 2024/25 wurden unter anderem 1.265.740 Rehe, 568.497 Wildschweine, 218.157 Feldhasen und 54.834 Wildkaninchen als Jahresjagdstrecke erfasst.
Hinzu kamen 464.771 Füchse, 284.220 Waschbären, 84.731 Dachse, 52.104 Steinmarder, 33.119 Marderhunde und zahlreiche weitere Prädatoren. Allein diese Gruppe summiert sich auf rund 1,07 Millionen Tiere.
Auch beim Federwild geht es keineswegs um Randgrößen: 240.410 Wildtauben, 236.937 Wildenten, 164.051 Wildgänse, 80.571 Fasane, 14.441 Waldschnepfen und 1.269 Rebhühner ergeben zusammen rund 738.000 Vögel.
Damit entsteht ein schwer zu übersehender Widerspruch. Beim Waschbären heißt es, er töte Amphibien und Vögel. Beim Fuchs heißt es, er töte Hasen und Bodenbrüter. Natürliche Prädation wird zur Begründung, den Prädator selbst zu töten, während gleichzeitig Hunderttausende Vögel, Hasen, Füchse und Waschbären sowie mehr als eine Million Rehe durch menschliche Nutzung aus den Beständen genommen werden.
Wenn Prädation durch Tiere als ökologisches Problem gilt, millionenfache menschliche Tötung aber als „Regulation“, muss die Frage erlaubt sein, ob hier tatsächlich Natur reguliert wird oder vor allem der menschliche Anspruch verteidigt wird, selbst darüber zu bestimmen, wer leben und wer sterben darf.
Töten ist noch keine Regulation
Trotz der hohen Zahl getöteter Waschbären hat sich die Art über Jahrzehnte weiter ausgebreitet. Das bedeutet nicht, dass jede lokale Entnahme wirkungslos ist. Es zeigt aber, dass eine hohe Zahl getöteter Tiere keineswegs automatisch nachhaltige Regulation beweist. Freigewordene Räume können wiederbesiedelt werden, während Müll, Kompost, landwirtschaftliche Nahrung und künstliche Unterschlüpfe unverändert bestehen bleiben. Damit erhöht der Mensch selbst die ökologische Tragfähigkeit des Lebensraums und schafft Bedingungen, die hohe Dichten begünstigen und die Populationsdynamik immer wieder neu antreiben können. Eine fortgesetzte Tötung allein kann deshalb keine dauerhafte Lösung sein, solange die Ursachen für hohe Bestände unverändert bestehen bleiben.
Eine hohe Streckenzahl belegt zunächst nur, dass viele Tiere getötet wurden. Sie belegt nicht, dass ein ökologisches Problem gelöst wurde. Gerade deshalb sind solche jagdlichen Erfolgsdarstellungen sehr kritisch zu hinterfragen, wenn sie ihre Wirksamkeit vor allem mit möglichst hohen Abschusszahlen begründen.
„Invasiv“ bedeutet nicht automatisch „überall töten“
Der Waschbär ist eine gebietsfremde Art und steht auf der EU-Liste invasiver Arten von unionsweiter Bedeutung. Diese rechtliche Einordnung ist eindeutig. Sie beantwortet jedoch nicht die entscheidende ökologische Frage: Was richtet die Art wo tatsächlich an?
Auch das Managementkonzept des Bundesamtes für Naturschutz beschränkt sich deshalb nicht auf Tötung. Es nennt den Schutz besonders gefährdeter Vorkommen, technische Sicherungsmaßnahmen, die Verringerung menschlicher Nahrungsquellen und lokale Populationskontrollen dort, wo konkrete Naturschutzziele dies erforderlich machen. Das ist etwas anderes als die Vorstellung, möglichst viele Tiere möglichst flächendeckend zu töten.
Waschbärproblem oder von uns geschaffenes Landschaftsproblem?

Der Waschbär kann lokal zum erheblichen Problem werden. Eine vollständige ökologische Analyse darf jedoch nicht bei der sichtbaren Prädation stehen bleiben. Sie muss Lebensraumqualität, Fragmentierung, künstliche Nahrungsquellen, den tatsächlichen Populationsschaden und die nachweisbare Wirkung möglicher Maßnahmen gemeinsam betrachten.
Gerade eine Hobbyjagd, deren eigenes Interesse im Töten von Wildtieren liegt, sollte deshalb nicht gleichzeitig bestimmen dürfen, wann das Töten zur angeblich alternativlosen ökologischen Lösung erklärt wird.
Wer ausschließlich den Prädator bekämpft, behandelt möglicherweise nur die sichtbare Folge. Wer Lebensräume zurückgibt, künstliche Nahrungsquellen reduziert und nur dort gezielt eingreift, wo bedrohte Populationen tatsächlich profitieren, beginnt dagegen an den Ursachen.
Quellen und weiterführende Literatur
Jagdwiedersprüche: Mufflons sollen hier ausgelöscht werden, da inversive: https://www.kreis-steinfurt.de/kv_steinfurt/Aktuelles/Amtsblatt/2025/Amtsblatt%2012-2025.PDF
Mufflons sollen hier geschützt werden, der Wolf dafür “reguliert werden, da er die Muflons vernichtet: https://jaegerschaft-schaumburg.de/2023/07/19/wolf-gefahr-fuer-das-muffelwild/?utm_source=chatgpt.com
Bundesamt für Naturschutz, Management- und Maßnahmenblatt Waschbär Procyon lotor nach EU-Verordnung Nr. 1143/2014.
Bundesamt für Naturschutz, Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Wirbeltiere.
Bundesamt für Naturschutz, Fachpublikationen zur zoogeografischen Einordnung des Mufflons in Deutschland.
Deutscher Jagdverband, Jahresjagdstrecke Bundesrepublik Deutschland 2024/2025.
Fischer et al., Habitat use of raccoons in Europe and North America, European Journal of Wildlife Research, 2023.
Louppe et al., The globally invasive small carnivore Procyon lotor, Mammal Review, 2021.
Michler et al., Untersuchungen zur Habitatnutzung und Prädation des Waschbären in der Mittleren Havelniederung, European Journal of Wildlife Research, 2019.
Ellis et al., Raccoon densities across four land cover types in the southeastern United States, Journal of Wildlife Management, 2023.
Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zu Herkunft, Ausbreitung und Vegetationseinflüssen des Europäischen Mufflons.
U.S. Geological Survey, Untersuchungen zu Nestprädation, Landschaftsfragmentierung und Waschbären in nordamerikanischen Vogelhabitaten.
U.S. Fish and Wildlife Service, Migratory Bird Hunting Activity and Harvest during the 2023–24 and 2024–25 Hunting Seasons.
U.S. Forest Service, Species Review Procyon lotor.
Stadt Kassel, Informationen und Management zum Waschbären im urbanen Raum.

Wieder ein großartiker Artikel Guido und wunderschöne Fotos von Christiane und Alexa!
Ich denke, regelmäßigen Leser von https://naturdigital.online/ ist klar, dass sich ein aufmerksamer und vernunftgeleiteter Mensch nicht von den Erzählungen der Jäger aber auch vieler „Naturschützer“ in Bezug auf Prädatoren ins Bockshorn jagen lässt.
Die Fragen sind eher: Wieviel vernunftgeleitete Menschen gibt es noch und wieviel der älteren Menschen die noch immer an „das Gute der Jagd“ glauben, lassen sich umstimmen? Wie weit will die Politik noch gehen und wie hoch soll der Scherbenhaufen noch werden, den sie hinterlässt. Wollen wir wetten? Er wird noch viel, viel höher! Alle Stellschrauben sind auf Versagen eingestellt. Empathie ein Fremdwort. Diäten und Aufsichtsratstantieme ein Lockstoff für die Volksverpetzer.
Wenn man selbst seit über 10 Jahren Waschbären und ihr Nahrungsverhalten im Garten beobachten kann, das Waschbärprojekt aus Mecklenburg Vorpommern studiert hat, oder quasi vor der Türe die Folgen eines Wiesenvogelschutzprojekt beobachten kann, dann weiß man wie die Uhren unserer „Naturschützer“ insbesondere der bewaffneten Spezies ticken.
„Meine“ Waschbären werden jedes Jahr aufs neue zu einem großen Teil von Jägern weggeschossen. Ich bedaure das zutiefst, denn es ist wie beim Wolf und den Schäfern. Neue Tiere besetzten dann das jetzt leer geschossene Revier und man muss sich ständig auf neue Verhaltensweisen einstellen.
Ja, Waschbären gehen auch an Niströhren von Vögeln. Aber anstatt sich groß aufzuregen muss man sich halt anpassen und prädatorensichere Nistkästen mit Marderschutz nutzen ähnlich dem Wettenberger Nistkasten. Meiner Vogelpopulation haben die Waschbären nicht geschadet. Sie hat sich sogar jährlich vergrößert bis eben wieder wie jedes Jahr der Sperber und der Falke kommt und seinen Anteil holt. Die haben auch einen Nachwuchs zu versorgen.
Es soll ja so ein paar Spezies Menschen geben, die stört schon der von Waschbären aufgescheuerte Wimbledonrasen im „Vorzeigegarten“, weil Waschbären dort auch einmal nach fressbarem suchen. Es sind dieselben „Gutmenschen“, die erst Recht geschützte Mauwürfe vergiften, in die Luft sprengen oder mit Wühlmausfallen so nebenbei killen. Sie wollen nichts hören, wenn auf Bauernhöfen seit Stunden die Kühe oder Mastbullen wie irre in Panik brüllen oder sie sehen weg, wenn ein Bauer seine Felder sichtlich überdüngt. Natur- und Tierschutz ist ihnen gleich. Human-First … Die Politik wird es schon richten.
Und mein Biotop? Tatsächlich verzeichne ich Einbrüche im Bestand an Fröschen und Kröten. Meine Beobachtungen mit Wildkameras beweisen aber gerade nicht, dass es an Waschbären liegt. Die meisten Frösche holt sich der Graureiher. Im Übrigen verweise ich auf den ABU Soest (nicht NABU sondern ABU!). Dr. Henning Vierhaus, der Ehrenvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest (ABU) beklagt ein regelrechtes „Waschbär-Bashing“. So schlimm wie ihr Ruf seien die Neozone aus Nordamerika gar nicht: „In vielen Gegenden stört der Waschbär das Ökosystem nicht“, sagt er. Die Bären seien Allesfresser, die Abfälle aus Mülltonnen fressen, sich den Mais schmecken lassen und „ganze Pflaumen- und andere Obstbäume abräumen.“ Er glaubt, dass es den Jägern nicht gelingen wird, die Waschbären durch Abschüsse zu dezimieren. Wie sollten sie das auch bewerkstelligen? Trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnisse geht das Massentöten auch an dieser Tierart ohne Erfolg weiter. In 2020 waren es 200.000 getötete Tiere, 2025 schon 284.220 und über einen Zeitraum von 10 Jahren gar mehr als eine Verdoppelung! Wo bitte ist der Erfolg der Jäger? „Es gibt keinen außer ihrem Spaß und dem Kribbeln ihrer Leidenschaft, die sie woanders wohl nicht mehr befriedigt bekommen!“
Gleichzeitig verschwindet immer mehr „naturbelassener“ Raum. Feuchtgebiete trocknen aus und selbst große Moore verschwinden an den Folgen des Klimas und menschlicher Dummheit wie dem Moorbrand im belgischen Venn.
Und die Politik??? … Dornröschenschlaf!
In meiner Jugend hatte ich ein Aquarium und jeder Aquarianer weiß: Je mehr Wasser vorhanden ist, desto stabiler ist das gesamte biologische System. Ein großes Becken verzeiht kleine Pflegefehler, während ein kleines Becken extrem empfindlich reagiert und innerhalb weniger Stunden biologisch „umkippen“ kann. Ein Grundsatz der 1:1 auf unsere „naturbelassenen“ Gebiete übertragen werden kann. Je kleiner diese sind, desto empfindlicher reagieren sie auf Störungen.
Letztendlich bleibt festzuhalten: Die Jagd perse ist ein Paradoxon. Wissenschaftliche Studien und Jagdstatistiken beweisen: Je mehr Waschbären gejagt werden, desto stärker vermehren sie sich. Jagd ist kein Naturschutz sondern ein perfides und noch dazu politisch gestütztes System das sich durch immer mehr Abschüsse von Tieren selbst am Leben erhält.
Dein Buch „Kulturlandschaft, die Logik hinter dem Artenverlust beschreibt alles wunderbar.“ Interessierten Lesern empfehle ich auch „Das Moor“ von Franziska Tanneberger, insbesondere wegen dem großen Moorbrand in Belgien, weil wir nie genug über unsere Lebensräume wissen können!
Insofern: Hoffe ich auf noch viele interessierte Leser und Follower von https://naturdigital.online/
Lieber Guido,
das ist erneut ein erneut außerordentlich wichtiger und hervorragend herausgearbeiteter Beitrag, der fantastisch auf deinen letzten Beitrag aufbaut. Er zeigt nicht nur, wie fragwürdig die grausame Verfolgung des Waschbären wissenschaftlich und rechtlich eingeordnet werden kann, sondern vor allem, wie wirkmächtig jagdliche Narrative bis heute sind, und wie selbstverständlich große Teile der Gesellschaft Begriffe wie „Regulation“, „Schädling“, „Überbestand“ oder „Artenschutz“ übernehmen, ohne die dahinterstehenden Behauptungen überhaupt zu prüfen. Dieses blinde Vertrauen ist es bis heute, auf das die Jagdverbände bauen können.
Schon der vorherige Beitrag zum Fuchs hat genau diesen Mechanismus eindrucksvoll offengelegt. Und der Waschbär ist letztlich nur eine weitere Facette eines viel größeren Systems.
An dieser Stelle sei auch die fantastische Visualisierung auf deinem YouTube Kanal erwähnt. Ich musste mir das Filmchen mehrfach ansehen und bin absolut begeistert!
Deshalb ist diese Aufklärungsarbeit so wichtig. Wir müssen die Begründungen der Jagd Stück für Stück wissenschaftlich, rechtlich und ethisch auseinandernehmen und dieses Wissen aus der Fachdebatte mitten in die Gesellschaft tragen. Denn erst wenn die Narrative ihre scheinbare Selbstverständlichkeit verlieren, entsteht überhaupt die Chance, auch die verschiedenen Formen und Rechtfertigungen der Jagd grundsätzlich neu zu hinterfragen.
Danke!